ZWISCHEN VERZWEIFLUNG UND HOFFNUNG – JESIDEN IN IRAKISCHEN FLÜCHTLINGLAGERN

In meinem früheren Job bot sich mir die grossartige Möglichkeit, viele Länder zu bereisen, die den meisten Menschen zu besuchen nicht vergönnt ist. Um ehrlich zu sein: Die meisten werden dort wohl auch gar nicht hinwollen. Eine der eindrücklichsten Reisen führte mich im Jahr 2009 nach Syrien. Geschäftlich standen die Hauptstadt Damaskus und das im fruchtbaren Tal des Nahr al-Asi gelegene Homs, die drittgrösste Stadt des Landes, auf dem Programm.

Wider jede Empfehlung des firmeninternen Travel Risk Managements und des Auswärtigen Amtes buchten mein Arbeitskollege und ich uns während dieser Zeit nicht in eines der ausserhalb gelegenen Geschäftshotels der grossen Ketten ein. Stattdessen hielten wir Ausschau nach einer kleinen Unterkunft mit wenigen Zimmern und dem traditionellen Innenhof. Diese fanden wir mitten in Alt-Damaskus, dort, wo die schmalen Gassen und der ständige Trubel ein Durchkommen nur zu Fuss, mit dem Gepäck auf der Sackkarre oder sogar auf dem Rücken, ermöglichten. Wir liefen auf 2.000 Jahre alten Pflastersteinen und haben fremde Düfte und Geschmäcker kennen- und viele sehr herzliche Menschen schätzen gelernt. Einen besonders tiefen Eindruck hinterliess in mir der (meist) lautlose Ruf der Menschen nach Hilfe und nach Befreiung aus ihrer damals häufig schon ausweglosen Situation. Heute gibt es dort vielerorts nur noch Schutt und Asche.

Warum ich mich gerade jetzt an diese Zeit erinnere? Fakt ist: Ich denke fast täglich mit grosser Dankbarkeit an die Eindrücke und die Begegnungen während meiner kurzen, aber intensiven Zeit in Syrien zurück. Hinzu kommt, dass ich vor zwei Jahren am Basel Peace Forum Marwa al Sabouni, eine sehr beeindruckende syrische Architektin und Autorin, kennenlernen durfte (ihr Buch: ‘Battle for Home’; unbedingt lesen!). Durch den Kontakt mit ihr entflammte mein Interesse an der Entwicklung und der Kultur des Landes und der gesamten Region erneut. Und jetzt ergab es sich durch eine Aneinanderreihung von Zufällen (wie das Leben so spielt), dass ich Anfang des Jahres begonnen hatte, zusammen mit einem aussergewöhnlichen Team eine Reise nach Kurdistan für eine Bestandsaufnahme vorzubereiten. Aufgrund von Corona mussten wir unser Vorhaben leider erst einmal verschieben. Ich möchte aber dennoch gerne von den Ideen rund um das Projekt berichten und würde mich freuen, auf diesem Wege weitere Unterstützer für unser ambitioniertes Unterfangen zu finden.

Unsere Reise nach Kurdistan ist der erste Schritt zur Realisierung eines Hilfsprojektes, bei dem es im Speziellen um eine Gruppe von IDPs (Internally Displaced Peoples), genauer gesagt um etwa 2.000 Familien der Jesiden, geht. Diese wurden gewaltsam aus ihrer angestammten und rechtmässigen Heimat vertrieben, gelten jedoch nicht als Flüchtlinge im rechtlichen Sinn, weil sie auf ihrer Flucht keine Staatsgrenze überschritten haben. Da sie als Binnenflüchtlinge nicht in den Geltungsbereich der Genfer Flüchtlingskonvention fallen, bekommen sie keine Hilfe von den Vereinten Nationen und sind damit auf unsere Unterstützung, und die unserer Leserinnen und Leser angewiesen.

Wer sind die Jesiden?

Die Jesiden sind eine ethnisch-religiöse Minderheit, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete sich über den nördlichen Irak, Nordsyrien und die südöstliche Türkei erstrecken. Teilweise betrachten sie sich als ethnische Kurden, zum Teil aber auch als eigenständige ethno-religiöse Gruppe. Die Wurzeln ihrer monotheistischen Religion reichen bis etwa 2.000 Jahre v. Chr. zurück. Damit ist das Jesidentum rund 500 Jahre älter als das Judentum. Nach Meinung des Jesiden-Experten Philipp Kreyenbroek liegen die Ursprünge des Glaubens in einer alt-iranischen Ur-Religion, die ähnliche Schöpfungsmythen sowie die Verehrung der Sonne und die Engellehre beinhaltet.

In der Literatur gibt es verschiedene Namensbezeichnungen für die Jesiden. Ältere Publikationen aus dem deutschen Sprachraum verwenden häufig den Begriff ‘Jesiden’, ‘Jezidi/s’ oder ‘Yaziden’. Leserinnen und Leserinnen der Karl-May-Bücher ‘Durch die Wüste’ und ‘Durchs wilde Kurdistan’ kennen sie unter der Bezeichnung ‘Dschesidi’. In den letzten Jahrzehnten haben sich in deutschsprachigen Publikationen die Begriffe ‘Yeziden’, ‘Jesiden’ und ‘Eziden’ durchgesetzt. Im englischen Sprachraum finden meist die Namen ‘Yezidis’ oder ‘Yazidis’ Verwendung. In Deutschland lebende Jesiden bezeichnen sich mittlerweile mehrheitlich als ‘Eziden’. Bei diesem Begriff handelt es sich um die etymologische Ableitung vom kurdischen ‘Ezidi’ bzw. ‘Ezdai’, was so viel wie ‘der, der mich erschuf’, also ‘Schöpfer’, bedeutet. Hieran ist der Gottesbezug in der Namensgebung besonders deutlich zu erkennen.

Die Mitgliedschaft in der jesidischen Glaubensgemeinschaft ergibt sich ausschliesslich durch Geburt. Hierzu müssen beide Elternteile jesidischer Abstammung sein. Eine Missionierung gibt es im Jesidentum ebenso wenig wie eine Konversion. Heiratet ein Jeside einen Andersgläubigen, bedeutet das den Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft. Das Leben endet nach jesidischem Glauben nicht mit dem Tod. Vielmehr erreicht es nach einer Seelenwanderung einen neuen Zustand.

Im Zentrum des Jesidentums stehen neben dem Schöpfergott ‘Ezid’ der ‘Engel Pfau’ (Tausi Melek), der Scheich ʿAdī ibn Musāfir und die ‘sieben Mysterien’. Nach jesidischer Mythologie schuf Gott Tausi Melek mit sechs weiteren Engeln aus seinem Licht und erkor ihn zum obersten der sieben Engel. Die Jesiden verehren ihn als Stellvertreter Gottes auf Erden, dem es zukommt, Gottes Plan und Werk auszuführen. Entgegen der vielfach von Muslimen im Nahen Osten geäusserten Behauptung, ist Tausi Melek weder ein Symbol für den Teufel, noch handelt es sich um einen in Ungnade gefallenen Engel.

Den Jesiden ist die Vorstellung von einem Teufel als Gegenspieler Gottes fremd. Für sie ist Gott einzig, allwissend, allmächtig und der Schöpfer des Universums und des Lebens. Sie stehen dem Dualismus von Gott und Teufel ablehnend gegenüber und verneinen auch eine Höllen-Paradies-Vorstellung. Das Aussprechen des Namens des Teufels, das als gleichbedeutend mit der Akzeptanz der Existenz einer solchen Kraft gilt, ist aus jesidischer Sicht ein blasphemischer Akt, der die göttliche Autorität in Zweifel zieht. Daher kommt ihnen das Wort Schaitan (arabisch für Teufel) nicht über die Lippen.

Eine verbindliche religiöse Schrift wie die Bibel oder den Koran kennt das Jesidentum nicht. Seit vielen Jahrhunderten beruht die Vermittlung von Glaubensvorstellungen und religiösen Traditionen ausschliesslich auf mündlicher Überlieferung. Es existieren unterschiedliche Kategorien heiliger Texte (z. B. Gebete), die vorwiegend in Kurdisch-Kurmancî verfasst wurden. Aufgrund der ausnahmslos mündlichen religiösen Praxis wurden die Jesiden nicht als ‘Leute der Schrift’, also Anhänger einer Offenbarungsreligion, wie Juden oder Christen, anerkannt. Damit galten sie als ‘Ungläubige’, ‘Teufelsanbeter’ und ‘Götzendiener’. Diese falschen Darstellungen und Vorurteile bilden das Fundament für die lange Verfolgungs- und Leidensgeschichte dieser Volksgruppe, die bis in die heutige Zeit hineinreicht.

Eine Geschichte von Vertreibung und Verfolgung

Vor dem Einfall des sogenannten Islamischen Staates (IS) Anfang August 2014 war Sindschar mit rund 600.000 Menschen das grösste homogene jesidische Siedlungsgebiet weltweit. Bei den Jesiden gilt Sindschar als Symbol einstiger Macht und als Ort wichtiger Heiligtümer. Durch die Vertreibung der Jesiden aus dieser Region droht ihr kulturell-religöses Erbe für immer verlorenzugehen.

Soweit sich die Vergangenheit der Jesiden durch historische Quellen erschliessen lässt, handelt es sich um eine Geschichte von religiöser, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entrechtung bis hin zu systematischen Vernichtungsfeldzügen und Vertreibung. Als ‘Häretiker’, ‘Gottlose’ und ‘Anbeter des Bösen’ gebrandmarkt, durchlebte die Religionsgemeinschaft eine Vielzahl von Genoziden und Massakern, durch welche die einst zahlenmässig sehr starke Gemeinschaft immer weiter dezimiert wurde. Vor allem in der Zeit des Osmanischen Reiches (1299 bis 1922) waren die Jesiden in Sindschar einer systematischen Verfolgung ausgesetzt.

Hieraus resultierten im Laufe der jesidischen Geschichte immer neue Fluchtbewegungen. Nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 gab es ebenso eine grössere Migration wie nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011. Diese Ereignisse begünstigten ausserdem eine Destabilisierung der gesamten Region und das Erstarken des IS und anderer terroristischer Gruppen. Die Verbrechen der IS-Terrorgruppe führten zu einer erneuten Fluchtbewegung der im Norden des Iraks beheimateten Jesiden.

Nachdem der IS zunächst die Christen aus Mossul vertrieben hatte, begann er am 3. August 2014 mit der Verfolgung und Vernichtung der Jesiden in Sindschar – nach jesidischen Aufzeichnungen der 73. Genozid (manche sprechen auch vom 74.) seit der Zeit des Osmanischen Reiches. Tausende Tote und Schwerstverletzte, Massenerschiessungen, Entführungen, zerstörte Dörfer und Heiligtümer und hunderttausende Geflüchtete ohne adäquate Versorgung – die Liste der Gräueltaten der Terrororganisation ist lang. Aus Angst vor dem IS flohen zehntausende Jesiden in das Sindschar-Gebirge. Hunderte Kinder verdursteten und verhungerten auf der Flucht. Tausende jesidische Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt, verschleppt und versklavt.

Zu den bekanntesten Opfern der IS-Gräuel gehört die mittlerweile in Deutschland lebende Jesidin Nadia Murad. Am 3. August 2014 verlor sie ihre Mutter und sechs Brüder. Insgesamt tötete der IS 18 ihrer Familienmitglieder. Sie selbst wurde entführt und mehrfach vergewaltigt, gefoltert und versklavt. Mithilfe einer muslimischen Familie gelang ihr von Mossul aus die Flucht in ein Flüchtlingslager nahe Dohuk. Von dort aus gelangte sie über das Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak nach Deutschland, von wo aus sie sich seither für die Belange der Jesiden einsetzt. Ein ähnliches Schicksal erlitt ihre Mitstreiterin Lamiya Aji Bashar, die ebenfalls in IS-Gefangenschaft geriet und auf der Flucht zwei Freundinnen und eines ihrer Augen durch eine Landmine verlor.

Nach Angaben des Zentralrats der Jesiden galten im Dezember 2019 immer noch 2.600 Frauen und Kinder als vermisst. Einige von ihnen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben. Viele befinden sich nach wie vor in Gefangenschaft im Irak, in Syrien und in der Türkei. Manche wurden in Länder wie Katar, Saudi-Arabien, Pakistan und sogar in den Jemen und nach Libyen verschleppt. Einer UN-Studie aus dem Jahr 2017 zufolge wurden während der Herrschaft des IS über 3.000 Jesiden getötet und weit mehr als 6.000 entführt. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen. Von den einst rund 600.000 Jesiden leben heute nur noch circa 60.000 im Sindschar-Gebiet. Oft haben sie weder fliessendes Wasser noch Strom. Getränke und Lebensmittel sind nur schwer zu bekommen. In der Region agieren zwölf verschiedene Milizen. Gefühlt alle 500 Meter gibt es einen Checkpoint.

Aktuelle Situation der Jesiden in irakischen Flüchtlingscamps

Aufgrund ihres Erlebens von Vertreibung und Vernichtung sind viele jesidische Geflüchtete massiv traumatisiert. In den überfüllten Flüchtlingslagern im Nordirak mangelt es ihnen an Zukunftsperspektiven, nicht zuletzt wegen der katastrophalen humanitären Lage. Zur Zeit harren noch über 300.000 Jesiden in den Lagern aus. Sie haben alles verloren. Die Mehrzahl möchte derzeit nicht in ihre alte Heimat zurückkehren, zum einen wegen der zerstörten Infrastruktur und der fehlenden Grundlagen für den Lebensunterhalt, zum anderen aber auch wegen der schwierigen Sicherheitslage. Zuständig für die Sicherheit ist offiziell die irakische Zentralregierung. In Wirklichkeit teilen sich die irakischen Sicherheitskräfte die Kontrolle mit kurdischen Milizen und den schiitischen Hashd-al Shabi.

Die jesidische Minderheit hat in Bagdad keine Priorität. Bislang hat der Wiederaufbau in Sindschar kaum begonnen. An vielen Stellen bedrohen Minen und nicht explodierte Munition die Zivilbevölkerung. Das Verhältnis zu den früheren arabischen Nachbarn ist angespannt. Die Jesiden beschuldigen sie, den IS unterstützt zu haben. Das Vertrauen in die Peschmerga (Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan) ist ebenfalls zerstört. Ihnen werfen die Jesiden vor, ihnen beim Angriff des IS nicht beigestanden zu haben. Seit 2015 sind mehr als 75.000 irakische Jesiden nach Deutschland geflüchtet. Die Zahl der positiven Asyl-Bescheide ist jedoch rückläufig. Während die Anerkennungsquote im Jahr 2015 bei mehr als 90 Prozent lag, sind es mittlerweile nur noch rund 50 Prozent. In einem Grundsatzurteil stellte das Oberverwaltungsgericht des norddeutschen Bundeslandes Niedersachsen fest, dass den Jesiden im Nordirak keine massenhafte Verfolgung mehr droht.

Leider wird den Jesiden heute immer weniger Beachtung geschenkt. Humanitäre Hilfsgelder gehen zunehmend in andere Teile des Landes. Das liegt nicht zuletzt daran, dass internationale Geldgeber der medialen Aufmerksamkeit folgen, die sich vor allem auf Krisengebiete wie die einstige IS-Hochburg Mossul richtet. Derweil leben die vor sechs Jahren geflohenen Jesiden immer noch in den Flüchtlingscamps, ohne Hoffnung auf eine baldige Verbesserung ihrer Situation.

Hinzu kommt, dass sich die Lage im Nordirak aufgrund von Corona weiter zuspitzt. Die angeordneten Hygienemassnahmen lassen sich in den vollbesetzten Flüchtlingslagern schlichtweg nicht umsetzen. Die Krankheit bedroht die Menschen nicht nur physisch. Die damit verbundenen Kontaktverbote haben auch schwere Auswirkungen auf die psychische Gesundheit derjenigen, die den Genozid überlebt haben. Auch abseits der Lager ist das Gesundheitssystem im nordirakischen Sindschar der Pandemie nicht gewachsen. Zudem versucht der sogenannte Islamische Staat, die Situation für sich auszunutzen. Ein von den Terroristen verfasster Newsletter rief bereits dazu auf, den von der Pandemie geschwächten Feind anzugreifen. Ein Wiedererstarken des IS im Irak würde die prekäre Lage der Flüchtlinge auf Jahre hinaus weiter verschlimmern. Deshalb ist schnelles Handeln umso wichtiger.

Ein Blick in irakische Flüchtlingslager – das Tagebuch von Helen Giger

Durch einen gemeinsamen Bekannten, einen Flüchtling aus dem Iran, Azad (Geigenbauer und Holzkünstler), lernte ich vor einiger Zeit ganz zufällig eine faszinierende Frau kennen, Helen Giger. Sie lebt mit ihrer Familie in der Ostschweiz und ist sehr engagiert in der Flüchtlingsarbeit. In jeder freien Minute unterstützt sie Flüchtlinge bei deren Integration, sei es durch ihr Netzwerk, durch Hilfe bei Behördengängen oder direkt finanziell. Helen ist sehr eng mit der Katholischen Kirche Teufen im Appenzellerland verbunden, die regelmässig kleinere Hilfsprojekte organisiert, quasi als Patengemeinde für die zu Beginn erwähnten etwa 2.000 jesidischen Familien, und die wiederum arbeitet vor Ort in enger Kooperation mit der Barzani Charity Foundation, Anfang 2020 hatte Helen ein Projekt vor Ort begleitet und darüber ein kleines Tage-/Fotobuch geführt, das ich an dieser Stelle gerne vorstellen möchte.

 

Tag 1

Hallo zusammen. Ich bin gut angekommen. Hier ist schon 19 Uhr und völlig dunkel. Wir gehen noch essen und dann ‘go pfuusä’.

Gute Nacht und herzliche Grüsse. Helen

Tag 2

Hallo ihr Alle. Ich hatte einen spannenden Tag heute. Ich durfte an verschiedenen Gesprächen der Chefs dabei sein und so einen tieferen Einblick erhalten in diese kurdische Hilfsorganisation. Es ist also eine grosse Aufgabe, welche sie zu bewältigen haben. Sie betreuen jetzt schon elf Flüchtlingslager mit jeweils ca. 12’000 Menschen und die UNHCR will, dass sie die Camps von einer anderen Region auch noch übernehmen.

Nachdem ich in der Stadt für mein Kinderprogramm eingekauft hatte, fuhren wir zum Lager wo letztes jahr ein Spielplatz gebaut wurde. Ich habe mich sehr gefreut, wie gut er immer noch aussieht und wie toll das organisiert ist. Viele Kinder waren unterwegs und es war eine friedliche Atmosphäre.

Morgen besuchen wir zwei Camps und entscheiden, wo der nächste Spielplatz gebaut werden kann. Draussen stürmt es und ich bin froh, in einem stabilen Haus schlafen zu dürfen.

Gute Nacht und herzliche Grüsse. Helen

Tag 3

Heute war ein richtig guter Tag! Nachdem ich in zwei verschiedenen Camps Freunde vom letzten Jahr besuchte, fuhren wir zu Camp U2. Man sagt, dieses Camp werde vernachlässigt… was auch immer das heissen mag. Einige Mädchen kamen sofort auf mich zugerannt und begrüssten mich herzlich!

Das ist eine grosser Parkplatz, welcher nicht wirklich genutzt wird… Wer hat schon ein Auto? 😳 Er ist gut mit Rundkies belegt. Die Kinder haben hier keinen Spielplatz oder Fussballplatz. Für die 1’000 bis 2’000 Kinder gibt es gerade mal zwei Lehrer und einige Praktikanten 😳 Das heisst, 90 Prozent der Kinder wird nicht zur Schule gehen. Und das über Jahre hinweg…

Wir entscheiden, in seinem Camp den neuen Spielplatz zu bauen. Er wird 20 x 13 Meter gross. Und dann gibt es noch einen Volleyballplatz und einen hohen Zaun um alles herum. Am Nachmittag fuhren wir direkt in die Stadt zum ‘Spielplatzbauer’. Wir planten, rechneten und diskutierten… alles muss einbetoniert und sehr stabil sein.

Wir haben sechs Spielgeräte ausgewählt. Er wird richtig toll. Wir müssen nun noch schauen wie teuer der Zaun wird. Ich hoffe das Geld reicht… Und dann starten wir mit dem Bau 👍😊 Ich freue mich sehr. Ihr hättet die Kinder sehen sollen!

Am Nachmittag war noch eine Abgabe von Wolldecken und kleinen Ofen. Die Leute standen Schlange… Es ist sehr kalt hier.

Herzliche Grüsse und bis morgen. Helen

Tag 4

Guten Abend. Heute hat uns Escandar gebeten, mit ihm ins Altersheim zu kommen. Alles ist voll Schimmel! 😳 Hier leben Menschen, welche sämtliche Angehörige im Krieg verloren haben. Ich begrüsste die Frau im Bett, sie umarmte mich und begann fest zu weinen. Sie erzählte viel. Ich hörte zu ohne zu verstehen. Man sagte mir dann, dass sie lange Zeit vom IS gefangen gehalten wurde 😢 Und wir weinten zusammen…

Eine wunderschöne Begegnung war auch die mit dem blinden Musiker. Er hat für mich auf der Handorgel und auf der Gitarre Musik gemacht. Wundervoll!

Aber wir hatten noch eine lange Reise vor uns. Nach Dohuk. Dort wird BCF weitere 20 Flüchtlingslager von der Regierung übernehmen. Auf Wunsch der UNHCR. 45 junge, arbeitslose Leute kamen, um eine Schulung zu machen und werden dann nach einer Probezeit in einem Camp arbeiten. Eine grosse Aufgabe, das alles zu leiten. Wir besprachen lange mit dem Chef, wo Hilfe am Dringendsten benötigt wird. Bei den Behinderten, den Waisen, den Witwen, den frei gelassenen IS Gefangenen… Schwierig. Dann gings wieder nach Hause. Und ab ins Bett.

Herzliche Grüsse. Helen

Tag 5

Es liegt wieder ein gefüllter Tag hinter mir. Morgens um ca. 8 Uhr fuhr ich los ins Camp U2. Ich wollte etwas mit den Kindern machen und nahm all meine Taschen mit Farben, Zeichnungen und Spielen mit. Es kam anders…

Der Campmanager wollte mir die Schulsituation vor Augen führen. Also fuhren wir mit dem Auto (im Moment ist das eine Schlammstrasse, da es richtig viel regnet) zu den Schulräumen (viereckige Blech-Rechtecke). Dort kamen mir schon der Englischlehrer und der Schulleiter entgegen. Voller Motivation rief er seine 5. Klässler in den Schulraum. Bis 70 Kinder sassen teilweise zu zweit auf dem Stuhl 😳

Ich bedankte mich herzlich bei ihm, denn auch er macht das schon mehrere Jahre lang gratis. Gerade mal zwei Personen werden für ihren Job als Lehrer bezahlt (700 Franken). Dann gibt es etwa 20 Personen (Flüchtlinge) welche seit drei bis vier Jahren gratis in der Schule stehen und diese wichtige Aufgabe übernehmen. Sie sind mittlerweile recht unzufrieden, streiken manchmal, was ich gut verstehen kann! Denn sie haben alle ihr gesamtes Hab und Gut im Krieg verloren und würden ein bisschen Bargeld dringend brauchen.

Der Chef meinte, 100 Franken im Monat wäre zu schön. Ihr könnt euch vorstellen, wie gerne ich jedem 200 Franken gegeben hätte! Aber eben, mein Geld ist für den Spielplatz, aber wer weiss, vielleicht darf ich das mal nachholen.

Als Zeichen der Wertschätzung ging ich am Nachmittag kurzerhand in den Laden und kaufte 20 Wolldecken – habe noch Sackgeld mitgenommen 😉 Die werde ich ihnen morgen schenken und einen Vortrag halten, wie wichtig ihre Arbeit ist, trotz allem.

Und am Nachmittag haben sie tatsächlich schon begonnen, die Löcher zu schaufeln um die Pfosten für den Hag einzubetonieren. Ich habe noch zwei Lastwagen Rundkies bestellt, viel billiger als Fallschutzmatten und dieselbe Funktion. Morgen wird der Zaun fertig sein.

Am Sonntag kommen die Spielgeräte, plus zwei Gratisbänke.

Das wars. Gute Nacht. Herzliche Grüsse. Helen

Tag 6

Hallo zusammen. Ich war im Camp. Der Zaun des Spielplatzes ist bereits fertig. Und zwei Lastwagen Kies sind verteilt. Ich brachte den Lehrern die Wolldecken, worüber sie sich sehr freuten. Wir tranken Tee und redeten. Morgen ist ein freier Tag. Die Moslems haben Sonntag. Und morgen wird Livia (meine Tochter) ankommen und eine Woche mit mir zusammen bei den Kindern sein, und vieles mehr tun.

Gute Nacht. Herzliche Grüsse. Helen

Tag 7

Guten Morgen. Livia ist gut angekommen. Heute ist ein freier Tag. Wir haben das Zentrum der Millionenstadt Erbil besichtigt mit den schönen alten Märkten und der Zitadelle.

Wir hatten einen interessanten Tag mit schönen Begegnungen.

Herzliche Grüsse. Helen

Tag 8

Heute konnte sich Livia das erste mal einen kleinen Überblick über so ein Flüchtlingslager machen. Wir besuchten die Schule und das ‘Gesundheitszentrum’. Wir hatten auch noch Zeit, mit den Kindern etwas zu machen. Sie haben es sehr genossen und viele Kinder sassen einfach vor dem Zaun und schauten zu, wie der Spielplatz entsteht.

Tag 9

Guten Morgen. Für Livia sind auch die Spitäler sehr interessant; sie ist Pflegefachfrau. Diese Nacht, bis heute morgen um 10 Uhr durften wir ein Spital sogar live erleben. Livia hatte eine Blinddarmentzündung welche hier in einem Privatspital operiert wurde. Zum Glück ist alles gut gegangen. Wir werden sehr fürsorglich betreut von Ueli und Escandar! Nun sind wir wieder in ‘unserem’ Haus und ruhen uns aus..

Schöns Tägli. Herzliche Grüsse. Helen

Tag 10

Hallo ihr alle. Heute war für Livia nochmals ein Ruhetag zu Hause. Ich war am Nachmittag dabei an einer Lebensmittelabgabe für 170 Familien aus Syrien, welche in einem halbfertigen Einkaufshaus leben, mitten in der Stadt, da ihr Camp geschlossen wurde. Es war eine sehr sinnvolle Sache und ich fand es schön, dass ich dabei sein konnte.

Herzliche Grüsse und bis morgen. Helen.

Tag 11

Hallo zusammen. Heute hatten wir einen richtig schönen Tag! Livia geht es zum Glück nun besser. Wir hatten sehr schöne Begegnungen wie mit diesem Bauer, der uns voller Freude seine Tiere zeigte. Er schenkte uns sogar 6 Eier!

Am Nachmittag fuhren wir ins Camp. Der Spielplatz steht und sieht wunderschön aus! Die Kinder kamen sofort und wollten uns ihr Zuhause, ihr Zelt, zeigen und überall wurde uns Tee angeboten.

Wir durften noch dabei sein bei der Abgabe von einem Paket Hygieneartikel, für alle 900 Familien. Mit einem Fingerabdruck wurde das bestätigt.

Das wars in Kürze. Morgen wird das grosse Fest stattfinden.

Gute Nacht und herzliche Grüsse. Helen

Tag 13

Guten Morgen 😊

Wir hatten gestern noch eine wunderbare Abschieds Grillparty mit Gesang und fröhlichen Beisammensein. Nun zurück zum gestrigen Tag. Es wurde ein grosses Fest vorbereitet. Jedes Kind bekam einen Orangensaft und etwas Süsses 😊

Ein Fernsehteam war da… Und dann endlich wurde das Tor geöffnet 😁 Und draussen vor dem Tor warteten noch soo viele Kinder. Es war ein sehr schönes Fest und genau der richtige Zeitpunkt. Aufgrund des Coronavirus werden die Schulen für einen Monat geschlossen. Der Spielplatz wird also ständig voll belegt sein und eine Aufsichtsperson ist schon bestimmt.

Nach der Feier durfte ich im Büro des Chefs allen Lehrern plus zwei Reinigungsfrauen, ein Kouvert mit einem bescheidenen Sackgeld überreichen. Das war sehr wertvoll und sie waren sehr berührt von diesem Zeichen der Wertschätzung. Sie arbeiten seit 2-4 Jahren gratis. (Das war eine explizite Privatspende für die Lehrer).

Wir ihr seht , gibt es viele Baustellen und wir werden wieder gehen. Falls jemand Lust hat, diese Projekte zu unterstützen, ist das über die Kirche Teufen möglich. Vermerk SPIELPLATZ, IBAN CH71 8102 3000 0037 2635 9. Vielen herzlichen Dank! Auch für euer Teilnehmen an unseren Erlebnissen 😊 Heute fliegen wir zurück.

Herzliche Grüsse. Helen

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