ZUGEFALLEN – PALAZZO PEDRAZZINI

In meinem letzten Newsletter hatte ich sie bereits gelobt, die vom Schweizer Heimatschutz und der Stiftung Ferien im Baudenkmal lancierte neue Verkaufsplattform für Baudenkmäler in der Schweiz, Marché Patrimoine. Kurz darauf kam es dann wieder zu einem dieser eigenartigen Momente, die ich schon öfters erlebt hatte… Auf der Plattform wurde ein Objekt zum Verkauf angeboten, das mich – trotz der schlechten Qualität der Fotos – sofort in den Bann gezogen hatte. Die Ausstrahlung des Gesamten, die offensichtlich sehr weitreichende Historie des Ortes Campo Vallemaggia im Tessin und des zum Verkauf stehenden Palazzo Pedrazzini, hatte ein sehr klares Bild von dem gezaubert, wie sich dieser Ort in einigen Jahren darstellen könnte. An meinen letzten Besuch im Maggiatal mag ich mich nicht einmal recht erinnern, das muss gut 30 Jahre her sein. Von Campo selbst hatte ich noch nie gehört oder gelesen. Und doch, es schien alles so unglaublich vertraut.

Ich bin ein grosser Freund von ‘Zugefallenem’. Ich bin der Überzeugung, dass wir Menschen zu sehr verlernt haben, auf unsere innere Stimme zu hören, auf die Sensoren, die sich im Laufe der Evolution entwickelt haben, uns selbst zu vertrauen und auch einmal einen Pfad einzuschlagen, den das Umfeld für arg abwegig hält. Fair enough, eine saubere Due Diligence braucht es unbedingt, später – zunächst ist unglaublich viel Kreativität gefragt. Eine Vision muss beschrieben werden, gezeichnet in Wort und Bild. Funken müssen sprühen, wenn hieraus einmal ein Feuer entstehen soll. Allfällige Mitdenker und Mitstreiter müssen gefunden werden, um gemeinsam ein wenig ‘zu spinnen’ – in beiden Bedeutungen des Wortes, dem Spinnen eines stabilen, tragfähigen Netzes (Netzwerks) für ein mögliches ‘Go’ der Unternehmung und ja, auch spinnen im Sinne von, einfach einmal alle Ideen in den Topf werfen, gleich wie sinnfremd sie zunächst klingen mögen. Von aussen betrachtet haben sich in den letzten Wochen zum Thema Palazzo Pedrazzini unglaublich viele ‘Zufälle’ ereignet. Aus meiner Sicht ist das keine Überraschung – wer mich ein wenig kennt, weiss, so funktioniere ich. Und wer mich gut kennt weiss auch, dass ich etwas zu Ende bringe wenn ich einmal selbst Feuer gefangen habe. In diesem Sinne, los!

Lasst mich etwas ausholen. Was haben wir vor? Und wer ist wir?

Bei den Pedrazzinis handelt es sich um eine der frühen Bankiersfamilien im Land. Die Erbengemeinschaft des geschichtsträchtigen Palazzos in Campo Vallemaggia – mit über 100 Personen – sucht seit vielen Jahren nach einer Lösung, um das Objekt vor dem Verfall zu bewahren und hat den Schweizer Heimatschutz um Hilfe gebeten, woraufhin das Objekt ausgeschrieben wurde. Die 1618 AG hat daraufhin ein Nutzungskonzept im Auftrag der Stiftung WeContribute ausgearbeitet. Die 2017 gegründete Stiftung zielt unter anderem darauf ab, ein Portfolio mit sanierungsbedürftigen Baudenkmälern aufzubauen, neue oder alte, wiederhergestellte Nutzungskonzepte zu entwickeln und die Objekte langfristig zu unterhalten/betreiben, wirtschaftlich geführt aber not-for-dividend, dies in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Heimatschutz und der Stiftung Ferien im Baudenkmal.

Einer der letzten Patrons der Familie Pedrazzini war Prorektor der Universität St. Gallen. Er hatte geplant, den Palazzo als ‘Campus Campo’ für oder in Zusammenarbeit mit der Universität Berlin zu betreiben. Es hatte viele Jahre gedauert und ist wohl ganz besonders Herrn Ing. Ennio Genazzi zu verdanken – einem der Teileigentümer – bis alle anderen Teileigentümer in einem Boot sassen. Der Professor war inzwischen leider gestorben, womit die Idee hinfällig wurde.

Aus dem Palazzo Pedrazzini soll nun unter der Leitung der Stiftung WeContribute ein Wohn-, Seminar- und Retreat-Ort entstehen, weitgehend durch die Integration von Permakultur selbstversorgend. Einige Menschen/Familien werden dort leben und den Betrieb sicherstellen.

Geplant ist, dass die Stiftung WeContribute den Grossteil des Objekts übernimmt, die 1618 AG die Sanierung plant und mit Unternehmern vor Ort und aus dem wachsenden Netzwerk an begeisterten Unterstützern umsetzt. Betrieben werden soll das Haus unter der Leitung der Stiftung (allenfalls gründen wir einen separaten Verein hierfür) und in Zusammenarbeit mit einigen Hochschulen, NPOs/NGOs und bestenfalls auch der Stiftung Ferien im Baudenkmal.

Diese Woche habe ich einige Tage in Campo und der unmittelbaren Umgebung verbracht, einerseits um die Eigentümer persönlich kennenzulernen und andererseits um herauszufinden, inwieweit sich das Bild, das ich seit einigen Wochen mit mir im Kopf herumtrage, tatsächlich in die Realität umsetzen lässt. Ausserdem habe ich mich mit lokalen Planern und Bauunternehmern ausgetauscht. Mein rudimentäres Verständnis der italienischen Sprache wird hier wohl auf eine harte Probe gestellt – aber ich habe grosse Freude, daran zu wachsen.

Die Pedrazzinis wussen schon, warum sie sich Campo für ihren Familiensitz ausgesucht hatten. Von Locarno aus ist es etwa eine Stunde Fahrt mit gefühlt 1’000 Serpentinen, teilweise quer durch traumhafte Rustikoverbände wo man besser die Spiegel einklappt beim Vorbeischleichen. Und trotzdem, Campo ist überraschend gut erschlossen. Selbst im Winter fährt ein Bus, die Strassen sind trotz einem Meter Schnee gut geräumt und das Dorf war überraschend lebendig. Das war dann wohl auch dem hervorragenden Wetter bei Temperaturen von knapp über 0 (in der der Sonne gefühlt 15) geschuldet.

Das Haus ist schräg – so richtig. Also, im Sinne des Wortes. Das hat sogar einen ganz besonderen und prominenten Grund. Campo ist auf dem Plateau einer abrutschenden Bergflanke errichtet. Bei Hochwasser im Tal war es immer wieder zu grösseren Verschiebungen gekommen, die letzte grosse im Jahr 1978. In Folge hatten Bund und Kanton ein Vermögen in einen unterirdischen Überlaufkanal und einen überdimensionalen Drainagekanal investiert. Seitdem ist es ruhig. Das Dorf besteht seit dem 13. Jahrhundert. Auch wenn sich das etwas dramatisch liest, ist es nicht. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass wir nicht alles ausnivellieren können – das Haus wird schräg bleiben.

Funfact hierzu: Die Dorfkirche ist einmal innert 80 Jahren 30 Meter weit gewandert. Demnach stimmt auch kein Katasterplan wirklich. Aktuell wird alles neu vermessen. Laut Ing. Genazzi gibt es diese geologische Gegebenheit nur an zwei Orten in Europa. Zu den Spitzenzeiten hatten übrigens 800 Menschen in dem Dorf gelebt.

Bei der Begehung vor Ort haben mit die jeweiligen Teileigentümer ihre teils verstaubten, teils nach wie vor genutzten Juwelen gezeigt und ich durfte, einem Schwamm gleich, viele Anekdoten aufnehmen und mir Techniken und Handwerk aus drei Jahrhunderten erklären lassen. Ganz tolle Menschen durfte ich kennenlernen und ich habe mich mit der Gewissheit verabschiedet, dass wir einen Schritt weitergehen: Sicherstellung der Machbarkeit, im Besonderen der Finanzierbarkeit, und Eingabe einer Offerte.

Für mich überraschend, weil von aussen so nicht ersichtlich, die einzelnen Hausteile, die auf der Rückseite des Hauses auch verschiedene Eingänge haben, wurden über einen langen Zeitraum nach und nach angebaut und die inneren Bereiche haben sich jeweils völlig unterschiedlich voneinander entwickelt. Bei Zeiten war das Gebäude von Stirn zu Stirn durchgängig womit sich zunächst eigenartig und sinnfrei erscheinende architektonische Schnittstellen ergeben haben. Plötzlich findet man eine ehemalige Aussenwand mit grossem Fenster und dahinter einen weiteren Hausabschnitt. Das Fenster geht einfach in den Flur des nächsten Hauses und ist ständig offen… Auch wenn das Gebäude von aussen eine relativ klare Struktur zeigt, darf man sich nicht täuschen lassen. Innen ist das ein grosses Labyrinth und macht es trotz grossem Volumen sehr ‘boutique’.

 

Das Dach mit seinen etwa 1’000 Quadratmetern Fläche wird hier eine sehr grosse Herausforderung werden. Obschon es in überraschend gutem Zustand ist, wir würden das komplett neu aufbauen müssen.

Während meines Besuchs konnte ich dann auch Michele Branca kennenlernen, einen sehr erfahrenen Bauprofi aus Locarno, unglaublich gut vernetzt und ab sofort unser Baumanager vor Ort. Das Architektenteam haben wir auch bereits im Team.

Und was dann diese Woche noch passierte:

Uns werden bereits abgelegene Rustika, die sich in logistisch interessanter Nähe zum Palazzo befinden, zur Übernahme angeboten, sodass diese in unser Konzept integriert und ebenfalls vor dem Verfall gerettet und saniert werden könnten. Zugefallen.

Mit einem Verein, der sich für die Haltung von freien Pferden einsetzt (nicht vom Menschen genutzte Tiere, die offensichtlich überdurchschnittlich viel Land benötigen), besprechen wir die Möglichkeit einer Bachelor-Herde im Umfeld des Palazzos. Zugefallen.

In Maggia selbst lebt und arbeitet eine Permakulturplanerin, die bereits recht aktiv im Tal unterwegs ist. Und sie ist eine gute Freundin der Leiterin des B&B in Locarno, in dem ich mich während meines Aufenthalts einquartiert hatte. Zugefallen.

Die Betreiber des B&B selbst sind beide Restauratoren. Damit haben wir die Sanierung der Fresken und Wandmalereien innen und aussen und die Arbeit an all den historisch relevanten und noch vorhandenen Dokumenten auch bereits abgedeckt. Zugefallen.

Und so entwickelt sich organisch und auf unbändiger Leidenschaft basierend ein kleines Netzwerk, ein Puzzle fügt sich zusammen. Menschen reden, tauschen sich aus, bringen Ideen ein. Synergien werden offensichtlich und weiter ausgebaut. Vieles wird auf dem Weg wieder fallen gelassen, manchmal weil es nicht ins Bild passt und manchmal weil vorderhand erkennbar ist, dass die Kosten jeden Rahmen sprengen würden.

Es gibt tausende Fragen zu beantworten bis solch eine Idee soweit gereift ist, dass wir von einer Unternehmung reden können. Aber wir sind offenbar auf einem sehr guten Weg.

Da sich dieses Projekt (eben, fast schon Unternehmung) im Moment sehr rasant entwickelt und immer mehr Menschen aus meinem Netzwerk sich dafür interessieren, habe ich mich dazu entschlossen, eine geschlossene Telegram-Gruppe zu gründen und dort über die Entwicklungen in diesem Projekt zu berichten, regelmässiger und detaillierter als das in einem Blog möglich wäre. Die einen treibt schlicht die Neugierde weil die geplante Sanierung des Palazzos Pedrazzini im historisch tief verankerten Campo Vallemaggia eine emotionale Reise mit viel Einblick in Geschichte und Baukultur werden wird, die anderen weil sie sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen, für die Zeit der sanften Sanierung und/oder für das Leben und Arbeiten an diesem sehr speziellen Ort, ins Tessiner Maggiatal zu ziehen. Hier sind alle herzlich willkommen. https://t.me/joinchat/HqmSiS_MYybtuH1d

Lasst uns diesem brachliegenden Baudenkmal gemeinsam wieder neues Leben einhauchen, virtuell und/oder mit Schweiss auf der Stirn und Dreck an den Händen. Fragt, wenn ihr Fragen habt und bringt euch gerne ein. So etwas Besonderes kann nur in einer Gemeinschaft entstehen.

Mitte März werde ich wieder für einige Tage vor Ort im Maggiatal sein und danach weiter berichten.

Herzlichst, Kai

 

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Regula Rena Souleimenov
21. Februar 2021

oh, hier möchte ich gerne leben und arbeiten ! Herzlich rena

Kai Isemann
Kai Isemann
21. Februar 2021

Hallo Rena. Sehr schön. Dann komm doch in die Telegram Gruppe und bring dich ein. Würde mich freuen, dich dort zu treffen. Herzlichst, Kai

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20. Februar 2021

Hallihallo! Was für eine tolle Story, Location, Idee - ich bin begeistert. Die Fotos bringen eine ergreifende Stimmung rüber. Ich wünsche viel Glück! Hoffe es kommen weitere Bilder vom Work in Progress :D Grüße aus Berlin

Kai Isemann
Kai Isemann
21. Februar 2021

Vielen Dank für die lieben Zeilen, Christian. Die nächsten Termine vor Ort sind Mitte März, dann werden wir auch wieder neue Eindrücke liefern können. Herzlichst, Kai

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