ZEITREISE DURCH LICHT UND SCHATTEN – ALTE MÜHLE WINTERSCHWIL

Licht und Schatten gehören untrennbar zusammen. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Das gilt nicht nur im physikalischen Sinne, sondern auch im metaphorischen. In einer Vielzahl von Religionen und Kulturen bilden Licht und Schatten ein Gegensatzpaar. Licht wird mit dem Guten, oft auch mit dem Göttlichen, in Verbindung gebracht, seine Abwesenheit mit dem Bösen und dem Tod. Bei einem Blick auf den Jahreslauf wird schnell deutlich, dass diese Vorstellungen auf den Erfahrungen vergangener Zeiten beruhen. Im Frühling und Sommer, wenn die Sonne die Erde erwärmte, ging es den Menschen gut. Es gab ausreichend Nahrung und kriegerische Auseinandersetzungen ruhten. In der dunklen Jahreszeit mangelte es oft an Lebensgrundlagen. Es war kalt und gefährlich. Während dieser Zeit sehnten die Menschen die Wiederkehr des Lichts herbei. Auch heute noch, in Zeiten von Elektrizität und Zentralheizung, hat so mancher trübe Wintertag mit seinem Überfluss an Schatten etwas Lebensfeindliches und Unwirtliches.

Schon Johann Wolfgang von Goethe legte seinem Götz von Berlichingen die Worte ‘Wo viel Licht ist, ist starker Schatten’ in den Mund. Der fränkische Reichsritter, der vor allem durch seine Rolle im schwäbischen Bauernkrieg bekannt wurde, lebte von etwa 1480 bis 1562. In jener Zeit war das Leben oft nicht einfach und das Überleben hart und entbehrungsreich. So romantisch und edelmütig, wie es Filme oftmals darstellen, dürfte es in der Realität nur selten zugegangen sein. Das Volk musste sich unter schwierigsten Bedingungen ‘durchschlagen’, so gut oder schlecht es eben möglich war. So erging es wahrscheinlich auch dem Müller, der sich vor mehr als 450 Jahren entschloss, die Alte Mühle im Weiler Winterschwil in der Gemeinde Beinwil (Freiamt) zu erbauen. Dieser Berufsstand hatte es vielerorts noch schwerer als die übrige Bevölkerung, galt doch das Müllergewerbe im Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit hinein als anrüchig. Oft wurden den Müllern Betrügereien nachgesagt. So hiess es, dass sie ‘an verborgenen und bedeckten Orthen heimliche Neben-Beutel führen, wodurch das Meel auf die Seiten, in ihre Diebs-Löcher fället’ oder dass sie ‘ihre Hünner, Tauben, und Schweine, so in die Mühl kommen, in fremden Getreid Herr seyn lassen’.

Wie der Erbauer der Mühle in Winterschwil hiess und warum er sie gerade hier, am Osthang des Lindenbergs errichtete, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass das Gebäude bereits vor 1563 entstand und etwa um diese Zeit von einem Müller Suter auf einen Müller Peter Bucher überging. Von Letzterem erwarb der Benediktinermönch Johann Christoph von Grüth, von 1549 bis 1564 Abt des nahegelegenen Klosters Muri, das Anwesen am 15. November 1563. In jenen Jahren bestand die Liegenschaft aus der Mühle mit Zugehör, zwei Jucharten Baumgarten, vier Jucharten Wiesland und 16,5 Jucharten Ackerland. Der Kaufpreis betrug 3.500 Gulden. Ab 1565 erweiterte die Abtei das Gehöft um den Mühlekeller. In diesem ist die Jahreszahl 1585 eingemeißelt – vielleicht das Jahr seiner Fertigstellung.

 

Wie lange die Mühle im Besitz des Benediktinerklosters war, liegt im Dunkeln. Vieles spricht dafür, dass ein im 17. Jahrhundert ausgeführter Wohnaufbau noch durch das Kloster angestossen wurde. Gleiches gilt für einen Umbau, der nach einer im Giebel befindlichen Jahreszahl 1809 realisiert wurde. Wer den Anbau der Bäckerei im 19. Jahrhundert und die Errichtung der Sägemühle im Jahr 1845 in Auftrag gab, verrät die Chronik nicht. Das Kloster Muri gab es damals nicht mehr.

Im Jahr 1027 durch Ita von Lothringen und ihren Gatten, den habsburgischen Grafen Radbot gegründet, war das Kloster im 17. Jahrhundert zur reichsten Abtei der Schweiz aufgestiegen. 1701 wurde es in den Rang einer Fürstabtei versetzt. Doch bereits knapp 100 Jahre später, im Jahr 1798, begann der Niedergang der klösterlichen Gemeinschaft. Zu jener Zeit wurden große Teile der heutigen Schweiz von französischen Truppen besetzt. Auf eidgenössischem Boden kam es zu Kämpfen, in die auch österreichische und russische Heere verwickelt waren. Unter dem Druck Frankreichs wurde die helvetische Republik eingerichtet, die nach französischem Vorbild zentralistisch strukturiert war. Diese wurde jedoch bald wieder von inneren Kämpfen zerrissen, worauf die französischen Truppen erneut in die Schweiz einmarschierten. Im Jahr 1803 wurde auf Druck Napoleons in Paris die Mediationsakte unterzeichnet und die helvetische Republik wieder in einen Staatenbund mit damals 19 Kantonen umgewandelt.

Im Jahr 1835 stellte die von Liberalen dominierte Aargauer Kantonsregierung alle Klöster auf ihrem Gebiet unter staatliche Verwaltung. Die Klosterschulen wurden geschlossen und ein Verbot zur Aufnahme von Novizen verhängt. 1841 verlangte der liberale katholische Seminardirektor Augustin Keller die Schließung aller Klöster, die er als ‘Ursprung allen Übels’ und als Urheber eines bewaffneten Aufstands zu Beginn desselben Jahres ansah. Sein Antrag wurde mit 115 zu 19 Stimmen angenommen, worauf die Regierung unmittelbar zur Tat schritt. Nonnen mussten innerhalb von acht Tagen aus den Klöstern ausziehen. Mönche, darunter die aus dem Kloster Muri, hatten den Kanton binnen 48 Stunden zu verlassen. Lediglich der damalige Abt Adalbert Regli blieb mit vier Mönchen für einige Tage zurück, um die Übergabe des Klostervermögens zu regeln.

Die Besitztümer der Klöster, insgesamt 6,5 Millionen Franken, zog der Kanton ein. Die Bestände der Klosterbibliotheken wurden in die Kantonsbibliothek in Aarau überführt. Da der Staat das Armenwesen der Klöster nur unvollständig ersetzte, wuchs die Armut in etlichen von der Klosteraufhebung betroffenen Gemeinden. Das Versprechen der Regierung, die Vermögen der Klöster in vollem Umfang für Schul-, Kirchen- und Armenzwecke zu nutzen, wurde nicht eingehalten. Stattdessen floss ein Grossteil der Besitztümer in die Staatskasse.

Die Klosteraufhebung, insbesondere die Rücksichtslosigkeit, mit der die Kantonsregierung vorging, sorgte nicht nur im Inland für Unmut, sondern auch im benachbarten katholischen Ausland. Der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich erwog sogar eine militärische Intervention. Diese wurde nur dadurch verhindert, dass Frankreich jeglichen Konflikt vermeiden wollte und Österreich sich noch mit anderen Problemen auseinanderzusetzen hatte. Während sich die Kantonsregierung nach langwierigen Verhandlungen am 29. August 1843 bereiterklärte, die vier Frauenklöster Baden, Gnadenthal, Fahr und Hermetschwil wieder zuzulassen, blieben die Männerklöster für immer geschlossen. Ein Teil der Mönche aus Muri zog nach Sarnen, um am dortigen Kollegium zu unterrichten. Die übrigen Benediktiner begaben sich nach Gries bei Bozen, wo sie 1845 die Abtei Muri-Gries ins Leben riefen.

Nur zwei Jahre später rückten die Gefechte der letzten militärischen Auseinandersetzung auf Schweizer Boden, des Sonderbundkrieges, bis auf weniger als zwei Kilometer an Winterschwil heran. Auf dem Marktplatz von Geltwil trafen bei dichtem Nebel eidgenössische Truppen und Einheiten des Sonderbundes aufeinander. Das Gefecht, das am 12. November im Rahmen eines Vorstosses der konservativen Kantone ins Freiamt stattfand, war eines der größten, das sich in diesem Krieg ereignete. Den von Guillaume Henri Dufour geführten staatlichen Truppen standen Luzerner, Walliser und Obwaldner gegenüber. Der kurze heftige Schusswechsel forderte etwa ein Dutzend Tote. Einen kriegsentscheidenden Charakter hatte das Gefecht nicht, allerdings hatte die Sonderbundsarmee grossen Schaden genommen.

Im Jahr 1876 wurde Jakob Nietlispach (1848 bis 1918), Grossrat, Nationalrat und Präsident des Bezirksgerichts Muri der neue Besitzer der Alten Mühle. Er hatte bereits den väterlichen Hof im Grüt, oberhalb von Beinwil, übernommen und das geschichtsträchtige Anwesen im Ortsteil Winterschwil hinzugekauft. Er war es auch, der 1891 weitere Umbauten am Giebel durchführen liess. 1911, ein Jahr nachdem der Mühlenbetrieb eingestellt wurde, ging das Gehöft an die Familie Meienberg über, der es seinen Beinamen ‘Meienberghof’ verdankt. Damals war es rund 86 Hektar (240 Jucharten) gross. In Sachen Umweltfreundlichkeit war Vater Josef Meienberg der heutigen Zeit voraus. Nahezu alle noch laufenden Gewerke betrieb er mit Wasserkraft. Darunter auch die Knetmaschine der Bäckerei, die Zentrifuge im Wöschhüsli (Waschhäuschen) und die Knochenstampfi (Knochenmühle). Ab 1923 wurde das Wasser des Weihers über eine Francis-Turbine zur Elektrizitätsproduktion genutzt. Mit Übernahme des Hauses durch Johann und Albert Meienberg im Jahr 1946 endete die Ära der Bäckerei, während die Sägemühle nach einigen Reparaturen noch immer einsatzfähig ist.

Zwischen 1977 und 1997 war die Güterregulierung (Flurbereinigung) ein grosses Thema in Winterschwil. Dabei ging es darum, zersplitterten land- und forstwirtschaftlichen Grundbesitz neu einzuteilen und grössere und damit effektiv nutzbarere Flächen zu schaffen. Hierbei war jedoch versucht worden, Johann Meienberg steiles, problematisch zu bewirtschaftendes Land unterzuschieben. Er bemühte das Verwaltungsgericht, das im Oktober 1986 gegen ihn entschied. Daraufhin zog er, ohne Anwalt, aber mit viel Enthusiasmus, vor das Bundesgericht – mit Erfolg. Er erhielt nicht nur bessere, seinem abgegebenen Land entsprechende Grundstücke, sondern auch eine Rückerstattung von 21.000 CHF – für ihn bestimmt der grösste Lichtblick in der knapp fünfhundertjährigen Geschichte der Mühle.

In den letzten Jahren wurde es ruhig um die Alte Mühle Winterschwil. Das Anwesen, in dem zu Hochzeiten bis zu 28 Menschen wohnten und arbeiteten, steht seit Jahren leer. Keine Stimmen, die sich unterhalten oder miteinander lachen. Kein Licht, das in den Abendstunden die dunklen Fenster erhellt. Stattdessen leises Blätterrauschen von nahestehenden Bäumen, das Zwitschern der Vögel die darin brüten und ab und an ein Plätschern, das vom Weiher herüberdringt. In den offenen Schuppen hat sich das Laub der letzten Jahre angesammelt. Die Fenster sind teilweise zugewachsen. Hier und da Spinnweben, so eingestaubt, dass sie grauen Tüchern ähneln. Das Gras ringsum ist hochgewachsen. Ein einsames Idyll, in dem die Schatten langsam die Oberhand gewinnen. Doch es gibt Hoffnung. Denn immer noch präsentiert sich das Mühlengebäude als stattliches Bauernhaus, dem man sein hohes Alter dank einer 2007 durchgeführten Aussenrenovation auf den ersten Blick kaum ansieht.

Die hochaufragende Stirnseite des Flecklingsständerbaus mit seinem leicht geknickten Stutzwalmdach und seinen von jeweils drei von geschnitzten Bügen gestützten Klebdachreihen in den Giebelfeldern dominiert den Weiler. Seine Gesamterscheinung entspricht den für das Freiamt im 18. Jahrhundert typischen, in die Innerschweiz weisenden Bauformen. Das hohe gemauerte Sockelgeschoss birgt die einstige Getreidemühle und Kellerräume. Darüber befinden sich die im Rahmen des 1891 durchgeführten Umbaus mit Holzschindeln verrandeten Wohngeschosse. Die westliche, dem Hang zugewandte Seite wurde im alten Zustand belassen und offenbart traditionelles handwerkliches Können und Stilgefühl. Die gen Osten gerichtete Stirnseite weist eine axial bezogene Einzelbefensterung aus der Zeit um 1800 auf. An der westlichen Giebelseite sind die älteren Doppelfenster erhalten, die originale biedermeierliche Sechser- bzw. Achterteilungen mit Lüftungsflügeln aufweisen. In den Schiebeflügeln der Dachgeschossfenster auf der Westseite weisen bleiverglaste Butzenscheiben auf das reife Alter des Gebäudes hin.

An der nach Süden gerichteten Traufseite setzt oberhalb der ummauerten Mühlenkammer der Bäckereianbau an, dessen Abschluss ein Quergiebel mit klassizistisch flacherer Dachneigung und einem ausgeschiedenen Giebelfeld bildet. Im Inneren verfügt die Alte Mühle über eine fast vollständig erhaltene biedermeierliche Ausstattung, von der insbesondere das sogenannte Richterzimmer mit seinem maserierten Wandtäfer ins Auge fällt. Würde nicht überall eine Staubschicht liegen, könnte man meinen, die einstigen Bewohner hätten die Liegenschaft gerade erst verlassen und kehrten in Kürze noch einmal zurück, um ihre restlichen Habseligkeiten nachzuholen. In den Nebengebäuden kündet achtlos liegengelassenes Werkzeug von früherer Geschäftigkeit. Fast mutet das Anwesen wie ein Museum an.

 

Das heutige Grundstück hat eine Grösse von 14.024 Quadratmetern und umfasst neben dem Mühlengebäude und dem dazugehörigen Gebäudeplatz auch das Sägewerksumgelände, den Mühlenweiher, den Weiherdamm, Wald und Wiesen, den Kanalzulauf vom Altbach zum Weiher und einen Teich mit Fischbestand direkt an der Grundstücksgrenze zum Wald hin. Das Anwesen befindet sich in der Landwirtschaftszone mit überlagerter Weilerzone, ausserhalb des bäuerlichen Bodenrechts. Wichtig für die Existenz des Betriebes waren in früheren Zeiten auch die zugehörigen Dienstbarkeiten: eine halbe Dorfgerechtigkeit zur Deckung des Holzbedarfs, ein Quellenrecht, ein ehehaftes (gesetzlich anerkanntes) Wasserrecht mit Zufluss zum Mühleweiher, die Benutzung eines Griensammlers für den Sand- und Kiesbezug sowie ein ehehaftes Fischereirecht im Mühleweiher. Darüber hinaus gibt es einen Schweinestall, einen grossen Holzschopf (Holzschuppen) eine Ölpresse mit Schopfanbau und mehrere Hühnerhäuser, in die vielleicht bald wieder neue gefiederte Bewohner einziehen.

Die Nachrichten für die Alte Mühle könnten besser nicht sein. Nach langem Ringen wurde endlich ein passender Käufer für das seit Jahren zum Verkauf stehende Anwesen gefunden. Im Mai 2020 unterschrieb die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung die Kaufvereinbarung für das Objekt, aus dem jetzt die erste Montessori Erdkinder Oberstufenschule der Schweiz hervorgehen soll. Auf dem zukünftigen Campus Lindenberg werden bis zu 68 Kinder und Jugendlichen von 12 bis 18 Jahren lernen und arbeiten und dem alten Gemäuer wieder neues Leben einhauchen. Mit ihren vielfältigen Gebäuden, dem Weiher, den Wiesen und den umliegenden Wäldern bietet die Liegenschaft zahlreiche Möglichkeiten zu praktischer Betätigung und Gemeinschaftsarbeit und eignet sich damit ideal zur Umsetzung des Montessori-Erdkinder-Konzeptes.

Für Aussenstehende mag der für 2021 geplante Schulstart illusorisch erscheinen. Jedoch sollen die Kinder und Jugendlichen hier nicht in ein schon fertiges Objekt einziehen, sondern mit dabei helfen, die Alte Mühle aus ihrem jahrelangen Schattendasein zurück ans Licht zu holen.

Text: Kai Isemann | Fotos: Monica Cisneros

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