We are the virus. Was wir schon länger ahnten, bringt Covid-19 nun ans Licht: Unser bestehendes Wirtschafts- und Wertesystem ist im Wanken begriffen. Wir erleben derzeit leider nicht nur eine Welle der Anteilnahme und Solidarität, sondern auch eine rapide fortschreitende Erosion unseres hochgepriesenen abendländischen Werteverständnisses. Die Globalisierung mit ihrem von Ignoranz durchtriebenen Wachstumswahn kann bereits als gescheitert erklärt werden. Der beliebte Glaubenssatz, der Markt werde es schon richten, klingt aus heutiger Sicht eher wie ein verzweifeltes Mantra denn eine Wahrheit. Die üblicherweise auf eine (Finanz-)Krise folgende Marktbereinigung ist immer eine ungerechte Sache, trifft sie doch meist diejenigen, die ohnehin wirtschaftlich schon schlecht dastehen, wie die Selbstständigen, die Kulturschaffenden, Menschen aus dem Gesundheitswesen, diejenigen, die viel leisten für wenig Geld, häufig aus Leidenschaft, die Überzeugungstäter. Selten trifft sie grosse Konzerne, Banken, Versicherungen, Asset Manager, diejenigen, die wirtschaftlich besser gestellt sind. Denn Systemrelevanz ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Doch was liegt der aktuellen Schieflage, in deren Sog wir zunehmend geraten, eigentlich zugrunde? Ist es Panik? Oder Gier? Oder einfach nur der inzwischen schon salonfähig gewordene Narzissmus? Wahrscheinlich von allem ein wenig und noch viel mehr. Der folgende Text, ein kleiner Wirtschaftskrimi basierend auf wahren Begebenheiten, versucht Antworten zu finden und Diskussionen anzuregen.

ORT DER HANDLUNG

Die Schweizer Immobilienbranche. Mit ein bisschen Fantasie eröffnet das «Betongold» zahlreiche Möglichkeiten für unlautere Machenschaften. Vor allem, wenn eine Firma mit grossem Kapital und prominenten Unterstützern involviert ist – wie im vorliegenden Fall. Kommt erschwerend hinzu, dass die Eidgenossenschaft bei weitem keine Unbekannte als Finanz- und Steuerparadies ist und entsprechend manch gut betuchte Klientel aus dem In- und Ausland mitsamt ihren Immobiliendeals beheimatet. In diesem Fall standen die eingefädelten Immobiliengeschäfte für einmal jedoch auf einer soliden Basis, Lothar Schmid*, ein Schweizer Projektentwickler, durfte von einem seriösen Geschäft ausgehen. Doch eine gefährliche Eigendynamik nahm überhand und geriet irgendwann ausser Kontrolle.

PROTAGONISTEN

Lothar Schmid – Gelernter Kaufmann, selbstständig, jahrelang tätig für ein renommiertes Schweizer Finanzunternehmen, zuletzt als Direktor und Teamleiter für forensische Audits. Aufgrund von Expertise und Vertrauenswürdigkeit mit gruppenweiten Geschäften des Unternehmens betraut.

Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit hatte Lothar Schmid die Schmid GmbH* gegründet, welche als Projektentwickler mittlerweile ihre Nische in der Schweizer Baulandschaft gefunden hatte und in ihrem Segment erfolgreich unterwegs war. Im Mittelpunkt des Unternehmens stand eine nachhaltige Baukultur, denn nach Meinung Schmids haben in der heutigen Zeit rein ökonomisch motivierte Projekte langfristig kaum Bestand. Echtes Wirtschaften – das heisst im Sinne nachfolgender Generationen – ist in einer rein kommerziell orientierten Welt mit einem eng gesteckten juristischen Rahmen jedoch kaum möglich. Erst im Austausch mit einem wahrhaft partnerschaftlichen Netzwerk können Visionen der Kunden zum Leben erweckt werden. Schmid ist kein Sozialromantiker, sondern vielmehr zeitgemässer Realist, der seine Ideen innerhalb und ausserhalb der Baubranche sowie im Stiftungswesen seit vielen Jahren erfolgreich verfolgt.

Thomas Stein* – Promovierter Anwalt und Fachanwalt für Erbrecht, ferner Verwaltungsrat und Vorstandsmitglied verschiedener Aktiengesellschaften und Genossenschaften, einer der Hauptinvestoren der Schmid GmbH, mittlerweile pensioniert. Die Wurzeln seiner (angeheirateten) Familie reichen tief hinein in die Schweizer Finanzwelt.

Weitere Beteiligte: die Schweizer Regiobank* und Richard Sander*, ein renommierter Bauherrenvertreter

* Namen aufgrund laufender Verfahren geändert.

21. MÄRZ 2019, 5:50 UHR

Es klingelt an der Tür von Lothar Schmid. Er und seine Lebenspartnerin lagen noch im Bett.

«Kantonspolizei Zürich. Bitte öffnen Sie die Tür.» erfährt Schmid auf seine Frage hin, wer denn dort sei. Auf dem Bildschirm der Gegensprechanlage gähnende Leere.

«Was möchten Sie?» erwidert Schmid, während er im Kopf sämtliche Antwortmöglichkeiten durchspielt, aber nicht darauf kommt, was die Polizei wohl von ihm wollen könnte.

«Machen Sie die Tür auf.» Die Antwort ist sehr bestimmt.

«Zeigen Sie mir bitte Ihren Ausweis.» erwidert Schmid.

Aus dem Nichts erscheint auf dem Bildschirm die unscharfe Darstellung eines Ausweises, welcher den Träger offenbar als Polizisten identifizieren soll. Schmid hat noch nie einen solchen Ausweis gesehen und merkt jetzt, wie unnütz seine Bitte eigentlich ist. Es schauderte ihn. Vielleicht ist das ein Überfall? Er öffnet trotzdem.

Mit schnellen Schritten nehmen fünf kräftige Männer die Treppenstufen ins zweite Stockwerk.

«Die hatten sich aber gut neben der Kamera versteckt…» schiesst es Schmid durch den Kopf, als er schnell wieder die Tür schliessen will. Doch dann sieht er: Waffen.

«Das ist ein Argument.», denkt Schmid. «Dann werde ich sie wohl mal reinlassen.»

Im Flur noch wird Schmid aufgeklärt. Gegen ihn werde wegen des Verdachts auf Betrug ermittelt und die zuständige Staatsanwaltschaft habe eine Durchsuchung angeordnet. Sämtliche privaten und geschäftlichen Unterlagen sowie Computer, Mobiltelefone und Bankkarten werden konfisziert, Konten gesperrt. Mit 200 Schweizer Franken Bargeld wird der dreifache Familienvater zurückgelassen.

WAS WAR GESCHEHEN?

Thomas Stein und Lothar Schmid hatten sich 2014 im Zusammenhang mit dem Kauf eines wertvollen Grundstücks an exklusiver Lage kennengelernt. Schmid hatte sich in den Monaten zuvor von einem seiner Geschäftspartner trennen müssen, nachdem dieser den Versuch unternommen hatte, Schmids Firma zum eigenen Vorteil ausbluten zu lassen. Angesichts dieser Erfahrung war Schmid nun sehr vorsichtig bei der Wahl neuer Geschäftspartner. In mehreren Gesprächen mit Stein stellte sich jedoch heraus, dass eine künftige Kooperation für beide Parteien nicht nur wirtschaftlich vorteilhaft sein würde. Auch privat verstanden sich die beiden Männer sehr gut. Bald darauf sollten der renommierte Anwalt mit prominenter Familie im Hintergrund und der nicht weniger anerkannte Geschäftsmann und Projektentwickler gemeinsame Sache machen – in Form zweier exponierter Bauvorhaben. Um mögliche Konflikte von vornherein auszuschliessen, vereinbarten die beiden Männer klar abgegrenzte Kompetenzen. Ihr Set-up schien optimal: Stein würde seine rechtliche Expertise einbringen, juristisch einwandfreie Voraussetzungen für die Realisation der Projekte schaffen und die Rolle des Bauherrn übernehmen, Schmid würde die erfolgreiche Umsetzung sicherstellen.

Projekt Seeblick

Für Vorhaben Nummer eins gründete Stein eigens die T. Stein AG*, mit welcher er für den Kauf des Objekts mit Eigenmitteln und einer Baufinanzierung über die Schweizer Regiobank verantwortlich zeichnete. Zudem trat er in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt der Verkäufer- und ehemaligen Unternehmerfamilie auf, welcher einst ein grosser Teil der betreffenden Ortschaft gehörte. Weiterhin oblag Stein die Ausarbeitung sämtlicher Projektverträge. Schmid hingegen übernahm mit seiner Schmid GmbH die Projektleitung und damit die Verantwortung für sämtliche Schritte rund um die Realisierung des fraglichen Objekts, namentlich die Akquisition, die Planung und Erwirkung der Baubewilligung, die Bauumsetzung sowie den anschliessenden Verkauf und die Käuferberatung. Die Abmachung war wenig kompliziert: Stein übernahm die Rolle des Finanzierungspartners für die Schmid GmbH, welche als Totalunternehmerin und Verkäuferin für das Projekt Seeblick agierte. Abzüglich aller mit dem Kauf, der Realisierung und dem Verkauf des Objekts entstehenden Kosten sollte der Gewinn je hälftig zwischen Stein und Schmid aufgeteilt werden, was in entsprechenden Verträgen festgehalten und von beiden Seiten abgesegnet wurde.

Rein juristisch gesehen ergab sich aus dieser Situation jedoch bereits ein Interessenkonflikt, welchen beide Parteien hätten vorhersehen können: denn Stein trat nicht nur als Käufer für das in Rede stehende Grundstück auf, sondern hatte gleichzeitig die Interessen der Verkäuferschaft des Grundstücks wahrzunehmen. Diese Tatsache war Schmid bewusst und nicht zuletzt in Hinblick auf die kurz zuvor geplatzte Geschäftspartnerschaft beschlich ihn frühzeitig ein ungutes Gefühl. Zu seiner grossen Erleichterung stellte sich die Zusammenarbeit als problemlos heraus. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich sogar so etwas wie eine Freundschaft. Schmid berichtete Stein von seiner gescheiterten Geschäftsbeziehung und seine daraus resultierende Unsicherheit hinsichtlich künftiger Kooperationen. Stein zeigte Verständnis und bot Schmid seine Hilfe an.

Die Hausbank für sämtliche Projekte der Schmid GmbH war die Schweizer Regiobank. Zu dieser baute Stein im Laufe der gemeinsamen Projekte ebenfalls eine enge Beziehung auf.

Projekt Zukunft braucht Herkunft

Auch für das Sanierungsprojekt eines denkmalgeschützten Bauernhauses, welches sich kurz zuvor ergeben hatte, wollte man zusammenspannen. Das Bauvorhaben Zukunft braucht Herkunft wurde Anfang April 2017 in Angriff genommen. Erneut wurden seitens der Unternehmungen T. Stein AG und Schmid GmbH entsprechende Verträge geschlossen. Schmid unterrichtete seinen Geschäftspartner und die finanzierende Bank regelmässig über die Fortschritte des Bauprojekts. Trotz einiger Spannungen im Rahmen des Projekts Seeblick rechnete Schmid gesamthaft weiterhin mit einer ebenso erfolgreichen wie fairen Kooperation.

ERSTE UNSTIMMIGKEITEN

Erste Komplikationen stellten sich mit der Konkurseröffnung über die Vermittlerin des Grundstücks, einer bislang gut etablierten Maklerin, ein. Die von Schmid geleistete Anzahlung war verloren. Stein vertrat seinen neuen Geschäftspartner, was angesichts der zum damaligen Zeitpunkt vertrauensvollen Zusammenarbeit der beiden Parteien nicht zum Nachteil von Schmid gereichen sollte. Im Gegenteil, es schien so naheliegend wie sinnvoll, dass Stein die anwaltliche Vertretung seines Geschäftspartners in einem Projekt übernimmt, welches er selbst bereits gut kannte. Im Nachhinein betrachtet jedoch keine einfache Situation, denn Stein war nun Finanzierungspartner, Käufer, Anwalt der befreundeten Verkäuferfamilie sowie Rechtsbeistand von Schmid im Konkursfall der Immobilienvermittlerin zugleich. Diese Mehrfachkonstellation verschob die Machtverhältnisse innerhalb der Projektgemeinschaft deutlich zugunsten von Stein. Bald zeichnete sich ab, dass Stein das Projekt Seeblick komplett in seiner Hand wähnte und nach aussen im Alleingang präsentierte. Das finanzielle Risiko hingegen wälzte er auf die Schmid GmbH ab. Die fast 400’000 Schweizer Franken, mit welchen Schmid in Vorleistung gegangen war, sollten – auf Drängen Steins hin – bis zum Abschluss des Projekts Ende 2018 als Stehbetrag verbleiben, folglich erst nach Fertigstellung dessen ausbezahlt werden. Ein Treuhänder wurde als Mediator im Falle möglicher Streitigkeiten zwischen den Vertragspartnern berufen.

ESKALATION

Im Laufe der weiteren Zusammenarbeit kristallisierten sich zunehmend unüberbrückbare Differenzen zwischen Stein und Schmid heraus. Ihre Sicht- und Verhaltensweisen waren entgegen ihrer anfänglich grossen Sympathie gänzlich konträrer Natur.

Stein begann, sich vermehrt in Schmids Kompetenzbereich einzumischen und untergrub damit graduell dessen Autorität gegenüber Subunternehmern und Mitarbeitenden der Schmid GmbH, der finanzierenden Bank, der Verkäuferfamilie sowie den Käufern der Wohnungen. Zunächst übernahm er – nach Gutdünken und Gemüt – die Käuferbetreuung und Bauplanung, obschon er auf diesem Gebiet selbst nie tätig gewesen war und wohlgemerkt über keine Zeichnungsberechtigung für die Schmid GmbH verfügte. Mit einem – trotz seiner fehlenden Erfahrung – ausgeprägt selbstbewussten Auftreten verursachte er bald hohe Zusatzkosten. Er vereinbarte eigenmächtig viel zu günstige Konditionen mit den Käufern und erfüllte deren diverse Sonderwünsche, was nicht nur die Schmid GmbH in Ungemach stürzte, sondern sich vor allem auch negativ auf das gesamte Cash Management auswirkte.

Trotz frühzeitig vorgebrachter Bedenken seitens Schmid verlangte Stein, die einzelnen Hausteile des Projekts Zukunft braucht Herkunft ab Plan, ohne festgelegtes Datum eines Baubeginns und eines Fertigstellungstermins zu verkaufen. Als erfahrener Projektentwickler wusste Schmid um die Unmöglichkeit dieser Forderung; keine Bank und kein Käufer würden sich je auf so ein Geschäft einlassen. Stein hielt jedoch vehement an seiner Bedingung fest. Er verweigerte die Zahlung von Architektenhonoraren und beglich Handwerkerrechnungen zu spät beziehungsweise überwies Akontozahlungen auf falsche Konten, tätigte im Namen der Schmid GmbH Garantiezusagen bei den endfinanzierenden Banken und schloss unberechtigterweise Werkverträge ab. Einwände seitens seines Geschäftspartners missachtete er weiterhin. Er forderte Anpassungen der Bau- und Aufteilungspläne für das Projekt Seeblick, welche nicht den Verkaufsdokumenten und den notariellen Beurkundungen entsprachen. Als sich Schmid weigerte, die Pläne entsprechend abzuändern und seinen Geschäftspartner auf die drohenden Konsequenzen seines Verhaltens hinwies, gab Stein sich weiter unbeeindruckt.

Im weiteren Verlauf des Bauprojekts kam es zu zahlreichen solchen Ereignissen, die sich negativ auf den Fortschritt beider Projekte und die finanzielle Situation der Schmid GmbH auswirkten, da alle Subunternehmerverträge über die Totalunternehmerin, also die Schmid GmbH, liefen. Zudem drohten die Zahlungsversprechen der endfinanzierenden Banken der Käufer aufgrund der durch Stein verursachten Verzögerungen ihre Gültigkeit zu verlieren. Es kam zu massiven Verspätungen und geplatzten Terminen, einzelne Gewerke konnten nicht fristgerecht fertiggestellt werden. Um einen Baustopp und eine weitere Kostenexplosion zu verhindern, kam Schmid seinem Geschäftspartner immer wieder entgegen, Unsummen wurden vernichtet. Die Schmid GmbH geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten und war bald nicht mehr in der Lage, alle Rechnungen von Subunternehmern vorzuschiessen. Der vielen Warnungen und mehrerer Mediationsversuche zum Trotz änderte Stein sein Gebaren nicht und schob die Verantwortung für entstehende Schwierigkeiten stets seinem Geschäftspartner zu. Gleichzeitig kam er seinen Zahlungsverpflichtungen, die er gegenüber Schmid im Rahmen der Zusammenarbeit eingegangen war, nur noch in ungenügender Weise und schlussendlich gar nicht mehr nach. Die schleichende Übernahme aller Exekutivfunktionen seitens Stein liess Käufer, Unternehmer, Bauleiter und Planer gleichermassen verzweifeln, ob der chaotischen Zustände, welche bei Prestigeobjekten einer solchen Preisklasse schnell desaströs ausfallen.

Die Verschiebung des Machtgefüges war inzwischen nicht mehr nur eine Frage mangelnden Anstands, sondern entwickelte sich peu à peu zu einem gezielten Angriff auf Schmids professionelle Existenz. Trotz der zahlreichen Schwierigkeiten gelang es Schmid zunächst noch, die aktuellen Projekte der Schmid GmbH fortzuführen. Stein zeigte sich davon wenig erfreut und warf Schmid ironischerweise vor, sich zu ‘verzetteln’. Ein Unrechtsbewusstsein seitens Stein stellte sich zu keinem Zeitpunkt ein.

Ende September 2018 kündigte die Schmid GmbH sämtliche Verträge mit der T. Stein AG wegen Unzumutbarkeit. Zunächst konnte man sich noch auf die Ernennung einer neuen Bauleitung einigen: Richard Sander* war bisher als Bauherrenberater für die Endkäufer tätig gewesen und entsprechend in Kenntnis der schwierigen Situation. Seine Resonanz auf Schmids Arbeit war hervorragend, und Sander stellte ihm, der ihn nach wie vor im Interesse aller Beteiligten bei der Fertigstellung des Projekts Seeblick unterstützte, eine sehr positive Referenz aus. Auf dieser Grundlage wurden Schmid weitere Bauprojekte angeboten, die er jedoch ablehnen musste, da sein Unternehmen bereits nicht mehr zu retten war.

Schliesslich kam, was kommen musste: der Konkurs der Schmid GmbH. Die gesamte für die beiden Projekte aufgebrachte Investition war für Schmid verloren. Infolge seiner Zahlungsunfähigkeit brachen auch alle anderen Projekte weg, an welchen Schmids Herz gleichermassen wie sein Vermögen gehangen hatten. Schmid blieb nichts, als zu versuchen, sich eine neue Existenz mit frischen Kontakten und Bauprojekten aufzubauen – angesichts der Rufschädigung und Nötigungslawine durch Stein war dies jedoch kaum möglich. Auch eine gänzlich neue berufliche Ausrichtung erwies sich als schwierig für Schmid, da gegen ihn inzwischen nicht nur wegen Betrugs in Millionenhöhe ermittelt wurde, sondern Stein selbst wie auch die zuständige Staatsanwaltschaft dies auch aktiv nach aussen kommunizierten. Sämtliche Finanzierungsanfragen für die während der Zeit des Zwists parallel vorbereiteten neuen Projekte erhielten entsprechend einen negativen Bescheid.

Als im März 2019 die Durchsuchung von Schmids Privatwohnung erfolgte, schien die Staatsanwaltschaft damit dem Vortrag von Stein ohne Berücksichtigung der von Schmid erwiderten Gegenargumente, die zu dessen Entlastung hätten führen können, Folge geleistet zu haben.

NACHSPIEL

Keiner würde die Kompetenz des anderen in Frage stellen oder die Autorität des Geschäftspartners untergraben, und beide Parteien würden die gemeinsamen Bauprojekte so voranbringen, dass jeder mit finanziellen Vorteilen aus der Sache hervorgeht, dabei werde man sich jederzeit im gesetzlichen Rahmen bewegen. So jedenfalls hatte sich Lothar Schmid diese Zusammenarbeit vorgestellt, als er den entsprechenden Vertrag mit Thomas Stein abschloss. Dass sich der Anwalt letztendlich an keine der vertraglichen Abmachungen halten würde, daran hatte Schmid selbst nach seiner negativen Erfahrung mit seinem vorherigen Geschäftspartner nicht geglaubt. Er hatte angenommen, dass Stein wenigstens annähernd dieselben Ziele verfolgt wie er, nämlich seriöse Bauprojekte im eigenen Interesse, im Interesse der Käuferschaft sowie nachfolgender Generationen durchzuführen. Doch weit gefehlt. Im Gegensatz zu Schmids echtem Anspruch an gleichermassen ästhetische wie nachhaltige Bauprojekte trieb Stein offenbar vor allem die Aussicht auf einen hohen Millionengewinn an – und veranlasste ihn, zahlreiche falsche und vorschnelle Entscheidungen zu treffen.

Sämtliche Anträge Schmids, die zur Klärung dieses vertrackten Falls hätten beitragen können, wurden bis zum Zeitpunkt dieses Artikels von der Staatsanwaltschaft mit Stillschweigen quittiert. Detaillierte Bankunterlagen, Protokolle und Schriftwechsel liegen der Staatsanwaltschaft spätestens seit März 2019 vor. Bei ausreichender Prüfung der durch Stein eingereichten Unterlagen, der eingebrachten Beweismittel durch Schmid sowie der in seinen Privat- und Geschäftsräumen sichergestellten Dokumente und digitalen Endgeräte hätte der Staatsanwaltschaft die Diskrepanz zwischen dem im Strafantrag vorgebrachten Vorwurf der Veruntreuung in Millionenhöhe und der tatsächlichen Situation schnell auffallen müssen. Eine aufmerksame Ermittlungsarbeit hat augenscheinlich nicht stattgefunden, sodass Schmid nur die Möglichkeit blieb, seinerseits – neben all dem anderen Ärger und in mühevoller juristischer Kleinarbeit – alle Beweise zusammenzutragen, Strafanzeige gegen Stein zu stellen und sich mit einigen Vertretern der Presse auszutauschen, was er im April 2020 tat.

Da alle involvierten Unternehmen und Banken über das bei der Staatsanwaltschaft hängige Verfahren im Detail und ohne jeden Hinweis auf die eigentlich tief verankerte Unschuldsvermutung informiert wurden, waren potenzielle Kreditgeber und Geschäftspartner nicht in Sicht. Auf die durch den Pflichtverteidiger eingebrachten Beweisdokumente war seitens der zuständigen Staatsanwaltschaft nicht eingegangen worden. Dasselbe gilt für das zuständige Konkursamt, da die Behörde entsprechende Kosten befürchtete, für die sie nicht in Vorleistung gehen wollte. Schmids Gesellschaft ist mittlerweile liquidiert und aus dem Handelsregister ausgetragen. Von den gravierenden Auswirkungen der gescheiterten Kooperation auf Schmids Privatleben sowie seinen gesundheitlichen Zustand ganz zu schweigen.

Anwalt Stein hat sich der Ende April 2020 gegen ihn eingereichten Strafanzeige zufolge unter anderem des schweren Betrugs schuldig gemacht, denn es fehlen nicht nur mindestens eine Million Schweizer Franken in der Kasse, ein weiterer Schaden in Höhe von über zwölf Millionen Franken ist inzwischen substantiiert. Neben dem Vorwurf des Betrugs muss sich die Staatsanwaltschaft mit den Straftatbeständen der Urkundenfälschung, der Ungetreuen Geschäftsbesorgung, der Unrechtmässigen Verwendung von Vermögensgegenständen, der Nötigung und Verleumdung beschäftigen. Damit jedoch nicht genug, denn der Investor hat sich der Anzeige zufolge ausserdem der Anstiftung zur Sachentziehung, der Unbefugten Datenbeschaffung, der Verletzung des Berufsgeheimnisses sowie der Gewerbsmässigen Verletzung von Urheberrechten schuldig gemacht. All das hatte er offenbar mit seiner Strafanzeige gegen Schmid versucht zu vertuschen.

Wir leben in einer Zeit, in der es Idealisten schwer haben, ihr Interesse gegenüber narzisstisch veranlagten Persönlichkeiten durchzusetzen. Egozentrierte Selbstbehauptung liegt im Trend, nicht zuletzt auch im weltpolitischen Geschehen. «Recht ist oft eine Frage des Geldes.» schrieb Vera Bueller 2003 im Beobachter. Wie wahr. Die alte Frage nach Recht und Gerechtigkeit entzündet sich gefühlt täglich aufs Neue, gemeinsame Werte wollen neu verhandelt werden.

Das Ende dieser Geschichte bleibt abzuwarten.

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