PERMAKULTUR MITTEN IM WOHNQUARTIER

Manchmal ist es einfacher, um Entschuldigung zu bitten, als um Erlaubnis zu fragen.

Was mich oft genug in meinen Aktivitäten als Kerngedanke begleitet, war hier gar nicht notwendig. Jede noch so abwegige Idee, die ich im Zusammenhang mit dem PopUp Dietlimoos in Adliswil bisher aufbrachte, wurde voller Vertrauen des Vereinsvorstands – wenn auch manchmal mit dem einen oder anderen Fragezeichen auf der Stirn – abgesegnet. Und die Verwaltung der Stadt Adliswil macht auch mit, ausnahmslos. Sie lassen uns einfach machen. Ist das toll!

An alle Beteiligten: Tausend Dank für all euren Einsatz und Zuspruch! Für mich gibt es nichts Schöneres, als wenn Menschen sich finden, zusammenrücken und gemeinsam etwas Sinnhaftes auf die Beine stellen, einfach so, vermeintlich aus dem Nichts. Und dass das geht, haben wir hier einmal mehr gezeigt.

Dass all unsere Arbeit nicht Nichts ist, sondern dass genau diese Energie uns trägt (als Gesellschaft), wissen die mittlerweile über 30 aktiven Mitglieder des Vereins selbst, spätestens nach den ersten Tagen tonnenweise Mist schaufelnd und lange Graben durch Bauschutt ziehend, am besten.

Die Zürichsee Zeitung berichtet am 5. Mai 2021: “Hier sollen Quartierbewohner Kaffee trinken und gärtnern” (Abo)

Im Quartier Dietlimoos hat ein Verein einen temporären Treff mit Café installiert. Das Konzept stösst auf Interesse – sogar national und international.

Es war eine grosse Brache, das Dielimoos in Adliswil. Nun entstehen auf dem grössten Teil des Gebiets Wohnungen und Büros. Am Rande jedoch, direkt neben dem Schulhaus Dietlimoos, hat es noch eine leere Fläche. Allerdings herrscht auch dort reges Treiben. Kinder rennen umher, Erwachsene hantieren mit Schaufeln und Schubkarren an Pflanzenbeeten…

Sie verweisen in ihrem Artikel netterweise sogar auf meine zugegebenermassen etwas freche Alternative für eine Neunutzung des Adliswiler Stadthausareals von vor etwas mehr als einem Jahr: Eine neue Perspektive für das Adliswiler Stadthausareal Aber der Reihe nach. In einem meiner letzten Beiträge hatte ich über “Zugefallenes” geschrieben. Ich knüpfe hier an. Zufälle gibt’s…

Anfang Jahr hatte ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt, allenfalls unter dem Schirm der Stiftung WeContribute einen Unverpackt-Laden im gerade neu entstehenden Höfe-Quartier in Adliswil, zu eröffnen und ich habe mich dazu mit einigen Menschen ausgetauscht – Trystorming, wie es Erion Veliaj (Bürgermeister von Tirana, Albanien) so schön formuliert. Nicht nur über gute Ideen reden; sondern machen! Zum Unverpackt-Laden werde ich im Sommer weiter berichten können.

In diesem Zusammenhang hatte ich dann das sehr sympathische Energiebündel Andrea Wyler Leber kennengelernt, die während der letzten Jahre das “Drüradkafi” betrieben und sich damit nicht nur im Züribiet eine tolle Referenz aufgebaut hatte. Eigentlich war das Thema, den Unverpackt-Laden mit einem Barrista-Café zu kombinieren. Aber wir kamen vom Thema ab. Ihr neustes Projekt würde mich sicher auch interessieren, meinte Andrea. Sie erzählte mir von einem neu gegründeten Verein der in meinem Wohnquartier ein PopUp Café aufbauen und betreiben möchte. Ich hatte noch kein Wort darüber gehört oder gelesen und habe sofort Feuer gefangen.

Als ich dann erfuhr, dass es sich hier um das Gelände des alten Schulprovisoriums Dietlimoos handelt, etwa 5’000 Quadratmeter gross, direkt vor dem neuen Schulhaus gelegen, mittendrin im Quartier und ganztags besonnt – und dann hatte die Stadt Adliswil auch noch einen alten Knie Zirkuswagen gekauft und dem Verein zur Verfügung gestellt – da sah ich ein Bild ganz klar vor mir. Es zeigte das, was wir uns unter einem riesigen essbaren Garten vorstellen, unterhalten vom Quartier für’s Quartier, die Produkte gleich dort verarbeitet und vertrieben. Ich sah endlich Leben vor mir in einem vergleichsweise doch eher distanzierten und teils sterilen Umfeld.

Und dann habe ich mit Angela Malmgren gesprochen, Pädagogin und Permakulturplanerin, mit der ich schon einige ganz ähnliche Ideen gesponnen hatte. Ich hatte sie gebeten, sich diese Baubrache, auf der für die nächsten fünf bis acht Jahre nichts weiter passieren wird, anzuschauen und einen Vorschlag auszuarbeiten, was hier möglich wäre. Sie soll einfach mal träumen.

Zusammengefasst kam folgendes dabei heraus.

Die Dietlimoos Gemeinschaftsgärten sollen den Bewohnern des Viertels Dietlimoos einen Gemeinschaftsraum im Freien, Lernmöglichkeiten sowie frische Produkte während der gesamten Saison bieten.

Ein Teil der Anlage ist mit “Schlüssellochbeeten” angelegt, die auf Patenschaftsbasis für Privatpersonen, Familien, Firmen oder Schulen zur Verfügung stehen. Die Patenschaft beinhaltet eine eigene Pflanzfläche sowie eine professionelle Anleitung und Betreuung während der gesamten Gartensaison.

Der gesamte Garten wird durch Freiwillige gepflegt. Es finden regelmässig Arbeitstage und “Permablitz”-Tage statt, damit die Gärten gut unterhalten werden. Ein/e Mitarbeiter/in von ReGeneration Permaculture begleitet die Arbeiten und kümmert sich um die generelle Instandhaltung des Geländes.

Auf dem Gelände finden neben den regelmässigen Workshops zu verschiedenen Themen aus dem Bereich Gartenbau und Permakultur auch allerlei andere Veranstaltungen, wie Flohmärkte, Jassabende oder Musikveranstaltungen statt.

Das Popup Dietlimoos Café bietet Getränke, leckeres selbstgemachtes Essen und Backwaren. Ein Teil der Ernte aus den Gärten findet sich auf der Speisekarte des Cafés wieder.

Liest sich gut, oder? Nun ist es nicht so, dass Angela und ich schon oft aus einer Baubrache einen Garten gebastelt hätten… Es war zunächst nur eine ambitionierte Idee. Wir standen mitten im Frühjahr und mussten entscheiden, jetzt (und allenfalls etwas holprig) oder erst nächstes Jahr (und dann vermeintlich besser durchgeplant). Es war keine lange Überlegung. Obwohl (noch) nicht viele Menschen mit dem Begriff Permakultur etwas anfangen können, hat es tatsächlich gar nicht viel Argumentation gebraucht, um von allen notwendigen Stellen die Freigabe zu bekommen, loszulegen.

Bestandsaufnahme per heute Abend (nachdem wieder den ganzen Tag zwischen zehn und 15 Menschen an den Beeten gearbeitet haben):

  • 17 Schlüssellochbeete installiert
  • Weidentipi installiert (soll künftig als Outdoor Classroom genutzt werden können)
  • Kompostgarten installiert
  • Beerengarten installiert
  • Extensivbeete installiert
  • Obstbaum-Lebensgemeinschaften installiert
  • Wege angelegt

In den kommenden Wochen werden wir uns noch um einen grossen Kräutergarten, einen Naturspielplatz und eine kleine, natürliche Grauwasser-Kläranlage (Ausführung durch Aquaplant) sowie den restlichen Teil der Bepflanzungen kümmern und selbstverständlich hierzu auch wieder die entsprechenden Kurse anbieten.

Wer im Verein Mitglied werden möchte, darf sich gerne hier melden: Verein PopUp Dietlimoos (Andrea Wyler Leber, Marlèn Meli, Andreas Zbinden und Gabriel Mäder, ist seid grossartig!)

Und wer einen Kurse besuchen, einfach mitarbeiten oder eine Beetpatenschaft übernehmen möchte, darf sich gerne direkt bei Angela melden: ReGeneration Permaculture

Permakultur als PopUp? Das ist in etwa so sinnvoll wie ‘trockenes Wasser’, werden mir viele aus der Szene entgegenhalten. Das widerspricht sich bereits im Grundsatz. Warum steckt also eine Stiftung Geld in solch ein Unterfangen? Und warum graben sich Dutzende von Menschen, klein & gross, jung & alt, Frau & Mann, bei triefendem Regen, eisiger Bise oder sengender Sonne durch Dung und Bauschutt, stundenlang, tagelang, bis die Hände bluten und der Rücken schmerzt – und das auch noch freiwillig? In der Schweiz?

Die Antwort ist einfach: Weil es Sinn macht! Und ganz so dumm ist der Mensch im Kern dann eben doch nicht – auch wenn mich Wort und Tat von einigen unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen doch immer wieder in Staunen versetzen. Ökonomisch gesehen machen die gesamthaft knapp 20’000 Franken an Kosten für die Installation dieser Permakultur-Anlage und die Kurse für eine Saison zunächst nicht arg viel Sinn weil nach Ablauf der fünfjährigen Nutzungsvereinbarung womöglich alles zerstört werden wird.

ABER: Es geht nicht immer nur um das, was man unmittelbar auf dem Konto oder im Portemonnaie sieht! Was wir hier für den sozialen Umgang miteinander, für den Austausch und vor allem auch für die Natur erreichen, da viele hundert Kilo an Gemüse, Früchten und Kräutern nicht mehr im Supermarkt gekauft werden müssen – keine Lieferwege, keine Zwischenhändler, keine Verpackung etc. etc., das soll mal bitte jemand in einen Social/Emotional RoI (Return on Investment) konvertieren, dann würden uns die Augen aufgehen.

Nun gehe ich aber noch einen Schritt weiter: Ich behaupte, wir werden belegen, dass eine Investition von 20’000 Franken pro 5’000 Quadratmeter Brachland innerhalb von fünf Jahren eine Rendite erwirtschaften kann, die gut genug ist, nicht auf Spendengelder angewiesen sein zu müssen. Das wird ein ganz simpler Businessplan!

Genau für solche Ideen hatte ich 2017 die Stiftung WeContribute gegründet, für Unternehmungen, die sogenannte “Grand Challenges” unserer Gesellschaft aufgreifen und – im Kleinen wie im Grossen – Lösungsansätze ausarbeiten. Das muss unbedingt mehr gefördert werden!

Der Stiftung WeContribute selbst steht nicht viel an finanziellem Polster zur Verfügung. Sie wirkt als Katalysator, oft mit wenig eigenen finanziellen Mitteln und vielmehr mit partnerschaftlichen Verbindungen. So kann schlussendlich jeweils genug Energie konsolidiert werden, dass sich das anzuschauen für einen Investor lohnt.

Denken wir das PopUp Dietlimoos ein bisschen weiter. Bereits nach dem ersten Kurstag und einem Beitrag auf Facebook haben wir Anfragen von Interessengemeinschaften aus anderen Städten der Schweiz auf den Tisch bekommen, sogar eine aus Deutschland, ob wir nicht helfen könnten, genau solch eine Lösung auch in ihren Städten voranzutreiben. Die Brachen sind jeweils bereits identifiziert und ambitionierte Helfer/innen stehen bereit. Sie brauchen eigentlich nur eine To Do Liste und etwas Hilfe im gesellschaftlichen und politischen Diskurs – ja, und allenfalls eine Anschubfinanzierung. Die Umsetzung schaffen die alleine.

Angela und ich werden uns in den kommenden Wochen zusammensetzen und eine Art “Plug’n’Play” Paket zusammenstellen, explizit ausgerichtet auf grössere Brachen – totes Land. Die Stiftung WeContribute wird daraufhin eine Ausschreibung in einschlägigen Foren und Gruppen machen und Vereine, Interessengemeinschaften und Verwaltungen anschreiben und sie animieren, sich unserer Idee anzuschliessen und mit Hilfe der Stiftung WeContribute umzusetzen.

Wenn wir uns den März 2022 als Ziel vornehmen, dann haben wir doch genug Zeit, um, sagen wir, zehn solche Projekte  aufzugleisen, oder? 😉

Ich werde mich ganz bestimmt wieder melden zu diesem Thema. Bis dahin, wenn jemand meint, er/sie wisse von einer geeigneten Parzelle oder wenn sogar bereits weitergehende Pläne und Ideen bestehen, dann meldet euch doch einfach. Man weiss nie, was einem so zufällt…

Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf den nächsten inoffiziellen Einsatz morgen früh und auf weitere tolle Begegnungen mit euch! Herzlichst, Kai 

 

 

PS. Wir nehmen auch TWINT für die Refinanzierung.

 

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