ERSTE MONTESSORI ERDKINDER OBERSTUFE DER SCHWEIZ IN WINTERSCHWIL

Während es in jeder grösseren Stadt in der Schweiz bereits lizenzierte Montessori-Kindergärten und -Grundschulen gibt, fehlt es bislang an einer Oberstufe, in der Heranwachsende das Lernen nach dem Montessori-Erdkinder-Prinzip fortsetzen können. Den Schülern bleibt nichts weiter übrig, als sich spätestens nach der sechsten Klasse in das enge Korsett der staatlichen Schulen zu begeben, in dem viele von ihnen die gewohnte Freiheit schmerzlich vermissen. Im Mai 2020 unterschrieb die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung die Kaufvereinbarung für die ‘Alte Mühle’ in Winterschwil, die sie in die erste Montessori Erdkinder Oberstufenschule der Schweiz umnutzen will.

Montessori-Pädagogik – selbstständiges Lernen mit allen Sinnen

‘Hilf mir, es selbst zu tun!’ Diesen Wunsch eines kleinen Mädchens machte Maria Montessori zum Leitmotiv für ihr pädagogisches Konzept. Eigentlich wollte die 1870 in Italien geborene Ärztin, Philosophin, Philanthropin und Reformpädagogin gar keine neue Erziehungsmethode etablieren. Vielmehr interessierte sie sich für die biologische Entwicklung von Kindern und die Frage, wie diese sich auf Basis ihres natürlichen Potentials mit möglichst wenig Einfluss durch Erwachsene eigenständig entwickeln.

Zu Beginn beschäftigte sich Maria Montessori unter anderem mit der Erziehung geistig Behinderter. Im Jahr 1907 gründete sie ein Kinderhaus für drei- bis sechsjährige Arbeiterkinder im römischen Arbeiterviertel San Lorenzo, das sie vier Jahre später um eine Schule erweiterte. Damals machte sie die Entdeckung, dass bereits Kleinkinder bei manuellen Aufgaben, bei denen sie die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes ‘be-greifen’ können, eine tiefe Konzentration zeigen, in der sie sich durch nichts ablenken lassen. Diese polarisierte Aufmerksamkeit lässt sich weder befehlen noch künstlich hervorrufen. Werden jedoch entsprechende Voraussetzungen geschaffen, ermöglicht das ‘Montessori-Phänomen’ es jedem Kind, sich mit seiner Umwelt auf geistiger Ebene auseinanderzusetzen und sich aus eigenem Bedürfnis heraus ganz einer Tätigkeit hinzugeben ohne vorzeitig zu ermüden.

Maria Montessori sah Kinder als ganzheitliche Wesen, die ihren Geist ebenso entwickeln können sollten wie ihren Körper. Nach ihrer Vorstellung verfügen Kinder über einen natürlichen inneren Bauplan, der ihre Entwicklung leitet. Sie durchlaufen verschiedene Phasen, die sich in ihren körperlichen, intellektuellen, sozialen und psychologischen Eigenschaften widerspiegeln. Während dieser auch als ‘sensible Phasen’ bezeichneten Zeitspannen sind Kinder und Jugendliche besonders empfänglich für bestimmte Reize aus der Umwelt und können sich damit verbundene Fähigkeiten und Fertigkeiten leicht aneignen. Hingegen erfordert das Erlernen einer Fähigkeit nach Abklingen einer solchen Phase mehr Zeit und mehr Anstrengung. Demzufolge sollten Kinder die Gelegenheit erhalten, entsprechend ihrer aktuellen Sensibilitäten lernen zu können. Das lässt sich durch das Schaffen einer adäquat ‘vorbereiteten Umgebung’ erreichen, aus welcher die Kinder ihre Beschäftigung frei wählen können.

Die Lernumgebungen in Montessori-Schulen unterscheiden sich deutlich vom traditionellen Schulmodell. Sie sind so gestaltet, dass sie den jeweiligen entwicklungsspezifischen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen bestmöglich entgegenkommen. Die Schüler lernen in altersgemischten Klassengemeinschaften. Diese unterteilen sich entsprechend der verschiedenen Entwicklungsphasen. Jede der Gruppen hat andere Bedürfnisse und benötigt deshalb auch eine andere Lernumgebung.

In der Kleinkindergemeinschaft, die auf Kinder von 1,5 bis 3 Jahren ausgelegt ist, stehen Übungen zur Herausbildung motorischer Fähigkeiten sowie zur Förderung der sinnlichen Wahrnehmung im Vordergrund. In diesem Alter durchlaufen die Kinder eine rasante sensorische und körperliche Entwicklung und bauen erste Bindungen und Beziehungen zu Erwachsenen außerhalb des Elternhauses auf.

Im Kinderhaus, das die Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt besuchen, machen sie ihre ersten Schritte in Richtung Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Sie erhalten den Schlüssel zu sprachlichem Ausdruck und bauen erstes mathematisches Grundwissen über Ordnung und Strukturen auf. In der daran anschließenden Unterstufe entwickelt das Kind seine Einbildungs- und Vorstellungskraft und solide Basiskompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen. Ausserdem sucht es in dieser Zeit erstmals den Kontakt zu einer sozialen Gruppe außerhalb des Elternhauses.

Diese Entwicklung setzt sich in der Mittelstufe fort, in welcher der Klassenraum sich über das Schulgebäude hinaus – in die Gemeinschaft hinein – erweitert. Die Kinder vertiefen ihre Interessen und Recherchen und nehmen die Unterstützung von Fachspezialisten in Anspruch. Während dieser gesamten Zeit fördern die Montessori Klassenraum-Umgebungen die intellektuelle und körperliche Unabhängigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Im Alter von zwölf Jahren sind die Montessori-Schüler schließlich bereit, den Weg des Erwachsenwerdens anzutreten.

Montessori und das Jugendalter – Identitätsbildung und Sinnfindung

Der Pubertät mass Maria Montessori eine sehr grosse Bedeutung zu. Sie war der Meinung, dass das Kind mit zwölf einen geschlossenen Zyklus vollendet hätte. Daher schrieb sie nicht einfach nur das Konzept der Grundschule fort, sondern entwickelte eine eigene, auf die besonderen Anforderungen der Heranwachsenden abgestimmte Methodik.

Im Jugendalter wandelt sich der Organismus rasant, vergleichbar mit der raschen Entwicklung während der ersten Lebensjahre. Wegen der ‘Umstrukturierung des Gehirns’ können sich Kinder in dieser Phase schlechter konzentrieren. Diese vorübergehend ‘verminderten intellektuellen Fähigkeiten’ stellen in Regelschulen ein Problem dar, weil sich die Schüler nahezu stündlich auf ein neues Fach einstellen müssen. Um den Herausforderungen im Jugendalter gerecht werden zu können, plädierte Maria Montessori für einen radikalen Einschnitt und eine Entschulung des Lernens, da eine Schule im herkömmlichen Sinne der Weiterentwicklung der Jugendlichen nicht förderlich wäre.

Neben den körperlichen und intellektuellen Veränderungen durchlaufen die Heranwachsenden auch eine emotionale und soziale Entwicklung. Sie verspüren zunehmend das Bedürfnis, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, unabhängig zu sein und die Welt um sich herum mitzugestalten. Zugleich benötigen die Teenager viel Zeit für sich und zur Selbstreflexion. Dem gerecht wird das Konzept der Montessori Erdkinder Schule, die sich in einer ländlichen Umgebung, idealerweise auf einem Bauernhof befindet. Sagte doch bereits Maria Montessori:

Die Arbeit auf dem Land ist eine Einführung sowohl in die Natur als auch in die Kultur und eröffnet ein grenzenloses Arbeitsfeld für wissenschaftliche und historische Studien. 

Die Gemeinschaft für Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren dient nicht nur als Schule für die intellektuelle Entwicklung, sondern auch als Experimentierfeld für soziales Lernen. In geschützter Umgebung lernen die Heranwachsenden, sich in einer sozialen Gruppe zu bewegen und gleichermassen als unabhängige junge Erwachsene zu agieren. Ein Bauernhof bietet hierfür ein gesundes, friedliches Umfeld und zugleich vielfältige Möglichkeiten für sinn- und bedeutungsvolle gemeinsame Arbeit.

Die Jugendlichen leben, lernen und arbeiten zusammen. Sie verwirklichen eigene Projekte und bringen theoretisch Erlerntes in die praktische Tätigkeit ein. Die Erwachsenen sind in dieser Phase nicht nur Lehrpersonen und BegleiterInnen, sie agieren auch als MentorInnen. Sie arbeiten Seite an Seite mit den Schülerinnen und Schülern, achten auf einen respektvollen Umgang und unterstützen die soziale Gemeinschaft. Bei Bedarf geben sie Anreize für weitere Lernerfolge.

Unter den gegebenen Voraussetzungen entwickeln die Jugendlichen ein Gefühl für die Gesellschaft sowie Verständnis und Achtung für andere Menschen. Die erfolgreiche Bewältigung der praktischen und sozialen Arbeitsprozesse stärkt den Glauben an sich selbst und zeigt ihnen, dass sie das Leben durch eigene Anstrengungen und eigene Verdienste meistern können.

Alte Mühle in Winterschwil wird Campus Lindenberg

Maria Montessoris Ziel war es, dass die Schüler rund zwei Jahre vor ihrem 18. Lebensjahr ausreichend moralische, soziale und geistige Reife für beispielsweise ein Universitätsstudium besitzen. Diesem hohen Anspruch möchte auch die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung genügen, die schon seit längerem an der Umsetzung der ersten Montessori Erdkinder Oberstufenschule in der als Meienberghof bekannten ‘Alten Mühle’ in Winterschwil arbeitet.

Das stattliche historische Bauernhaus befindet sich im idyllisch und etwas versteckt gelegen Weiler Winterschwil (Gemeinde Beinwil Freiamt). Der gut erhaltene Flecklingsständerbau ist das Hauptgebäude eines einstigen landwirtschaftlich-gewerblichen Grossbetriebs, zu dem neben der Getreidemühle und einer Bäckerei auch eine Sägemühle und eine mit Wasserkraft aus dem Mühlenweiher betriebene Ölpresse gehörten. Die heutige Grundstücksfläche beträgt 14.024 Quadratmeter und umfasst den Gebäudeplatz, den Mühlenweiher, das Sägewerkumgelände, den Weiherdamm, Wald, Wiesen und den Kanalzulauf vom Altbach zum Weiher. An der Grundstücksgrenze zum Wald hin gibt es außerdem einen Teich mit Fischbestand.

1987 wurde der Weiler Winterschwil mit dem Aargauischen Heimatschutzpreis ausgezeichnet. Auch das Schweizer Fernsehen ist auf das idyllische Grundstück aufmerksam geworden. Im letzten Jahr wurde auf dem Hof eine mehrteilige Serie über das ‘alte Leben in der Schweiz’ gedreht, die in diesem Sommer veröffentlicht werden soll.

Die Alte Mühle hat eine lange Geschichte. Wie dem Beinwiler Buch ‘Zeitbilder einer Landgemeinde’ zu entnehmen ist, gehörte sie zunächst einem Müller Suter, der sie an einen Müller namens Bucher verkaufte. Dieser veräußerte sie am 15. November 1563 an den Abt des Klosters Muri, Johann Christoph von Grüth. 1876 erwarb sie der Schweizer Landwirt, Richter und Politiker Jakob Nietlispach. Von diesem übernahm im Jahr 1911 Johann Meienberg das Anwesen. Im Mai 2020 unterzeichnete die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung die Kaufvereinbarung für das Objekt und kann jetzt mit Volldampf an die Verwirklichung ihrer Erdkinder Schule gehen.

Geplant ist Campus Lindenberg als Montessori-Erdkinder-Schule für 12- bis 18-Jährige. Im Vollbetrieb wird die Bildungseinrichtung etwa 60 Schüler haben, davon 40 als TagesschülerInnen und 20 bis 26 im Internat. Sie wird ein hochqualitatives akademisches Programm gemäss Schweizer Schulstandards mit einem sozialen, künstlerischen und praktische Schwerpunkt bieten, um die ganzheitliche Entwicklung der Schüler zu ermöglichen. Die Mahlzeiten werden vor Ort frisch zubereitet. Sowohl während der Schulzeiten als auch in der Freizeit werden ausgebildete und erfahrene Lehrpersonen und LernbegleiterInnen anwesend sein, um die Schülerinnen und Schüler jederzeit unterstützen zu können.

Angestrebt werden der Bezirks-/Sekundarschulabschluss sowie die extern abgelegte, eidgenössisch anerkannte Maturität.

Die Liegenschaft rund um die Alte Mühle bietet viele Möglichkeiten zu Gemeinschaftsarbeit und praktischer Betätigung, beides wichtige Aspekte des Montessori-Erdkinder-Konzepts. Ein wissenschaftliches Labor, Ateliers für künstlerische Tätigkeiten, Musik und Theater, zwei Küchen, Werkstätten für die Holzbearbeitung und Handarbeiten sowie eine Schlosserei stehen direkt auf dem Grundstück zur Verfügung. Darüber hinaus warten kleine landwirtschaftliche Projekte, Wasser- und Waldstudien, Ökologie und Geschichte darauf, von den Heranwachsenden entdeckt zu werden. Auch die Haltung von Tieren ist geplant. Zu erreichen ist die Schule mit dem Schulbus, der mindestens drei Hauptknotenpunkte ansteuern soll. Tagesschüler, die von Zürich, Zug oder Luzern anreisen, benötigen mit dem Schulbus circa 30 Minuten. Internatsschülerinnen und -schüler können über das Wochenende nach Hause fahren. Diejenigen mit längeren Anfahrtswegen haben aber auch die Möglichkeit, vor Ort zu bleiben. Zudem wird es Ferienangebote geben, da die Liegenschaft auch in den Ferienzeiten unterhalten werden will.

Über viele Jahre wurde das pädagogische Konzept von Campus Lindenberg von einem engagierten Team aus Montessori-Pädagogen und Gymnasiallehrern aufgebaut. Seitdem feststand, dass die erste Erdkinder Oberstufe der Schweiz im geschichtsträchtigen Weiler in Beinwil entstehen soll, waren Unmengen an Abklärungen mit dem Schulamt, dem Kreisamt, dem Bauamt, dem kantonalen Denkmalschutz, dem Heimatschutz, dem Forstamt, dem Brandschutz und vielen weiteren Behörden zu treffen. Der Prozess ist anstrengend, aber auch unglaublich spannend und bereichernd. Und er ist zeit- und geldaufwendig. Dabei schlagen insbesondere die externen Ressourcen wie geologische Gutachten, Planerarbeiten sowie Honorare und Gebühren zu Buche. Hierbei ist die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung auch auf Unterstützung von aussen angewiesen.

Bereits das Vorprojekt für die Schule inklusive aller behördlichen und planerischen Abklärungen beläuft sich auf knapp 300.000 Schweizer Franken an Aufwendungen. Diese wurden bislang von Gönnern übernommen bzw. vorfinanziert. Von den gesamthaft notwendigen 2.1 Millionen Schweizer Franken an Eigenmitteln kann sich die Stiftung bereits über 1.1 Millionen an Spendenzusagen freuen. Sie wird im Aufbau dennoch weiterhin auf die Unterstützung von Sponsoren und aktiv Mitwirkenden angewiesen sein, um ihr ambitioniertes Projekt erfolgreich in die Realität umsetzen zu können. Wollen Sie die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung unterstützen? IBAN CH10 0900 0000 1543 7294 4 oder Email an erdkinder@enkeltauglich-wirtschaften.ch. Die Stiftung steht unter der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht ESA. Spenden sind somit steuerlich abzugsfähig.

Montessori-Pädagogik – Vorurteile unter der Lupe

Immer wieder begegnen Menschen der Montessori-Pädagogik mit Vorurteilen. Nicht selten heisst es: ‘Ah, Montessori, das ist doch wie Rudolf Steiner, das ist beides für spezielle Kinder’. Verena Schüepp-Lanz, Gründerin der Montessori Schulen D’Insle und Sprungbrett in Zürich, bringt das Thema mit folgenden Worten auf den Punkt:

Ja, ich bin ein Montessori-Kind. | Nein, die Montessori Schule ist nicht vergleichbar mit einer Rudolf Steiner Schule. | Ja, das ist eine ganz normale Schule, einfach mit einem genialen Lernansatz. | Nein, das ist keine Schule für Behinderte. Ich habe weder Lernschwierigkeiten, noch bin ich verhaltensauffällig. | Ja, ich gehe gerne zur Schule. Es hat dort Kinder aus aller Welt und ich bekommen tatsächlich immer ein ganz persönliches Lernprogramm, das auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist. | Nein, ich bin nicht über- oder unterfordert und langweile mich auch nicht. | Ja, ich werde hier nicht nur gefördert, sondern durchaus auch gefordert. Wir können alle vor Schuleintritt lesen, schreiben und rechnen. | Nein, das klaut uns nicht die Kindheit, sondern bereichert sie ungemein. | Ja, wir lernen auch mehrere Sprachen. | Nein, ich muss trotzdem keine Vokabeln büffeln. | Ja, wir lernen Mathematik tatsächlich mit den Händen, vom Greifen zum Be-Greifen. | Nein, bestimmt nicht nur die Buben. | Ja, mir macht das Lernen sehr viel Spass. | Nein, ich tue hier nicht was ich will, ich will was ich tue. | Ja, ich lerne viel über Gott und die Welt und was sie im Inneren zusammenhält. | Nein, ich habe fast nie Hausaufgaben und wir bekommen auch keine Noten. | Ja, ich möchte.

Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass es Montessori-Kinder schwer haben, auf halber Strecke in eine traditionelle Schule zu wechseln. Erfahrungsgemäss gibt es diesbezüglich jedoch keine Probleme. Der Montessori-Unterricht baut auf dem amtlichen Lehrplan der staatlichen Regelschulen auf und vermittelt dessen Inhalte in allen vier Jahren der Grundstufe. Allerdings löst sich die Montessorischule gelegentlich von der vorgegebenen Reihenfolge, da einige Materialien andere Zugangswege ermöglichen. Daher entspricht der Lerninhalt nicht immer der im amtlichen Lehrplan vorgesehenen Jahrgangsstufe.

Kinder, die nach der 6. Klasse in ein Gymnasium oder eine Regelschule wechseln, werden in speziell dafür ausgewiesenen Stunden auf den Probeunterricht an diesen Bildungseinrichtungen vorbereitet. Schüler, die sich hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, ihrer Arbeitshaltung und ihrer Auffassungsgabe eignen, schaffen den Übertritt mithilfe dieser Vorbereitung in aller Regel ohne grössere Schwierigkeiten. Viele bedauern im Nachhinein jedoch den Verlust der Selbstbestimmung, der Selbstorganisation und ihrer Lernfreiheit.

In der Unfreiheit im Lernen liegt denn auch einer der Hauptkritikpunkte am staatlichen Schulsystem, das eine Individualförderung sehr reduziert vorsieht. Die Schüler werden nicht nur angewiesen, was sie lernen sollen, sondern auch, auf welche Weise, wann und von wem. Obwohl die meisten Kinder von Natur aus quicklebendig sind und sich gern bewegen, müssen sie für mehrere Stunden täglich still sitzen. Auf eigene Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Schüler kann nur sehr reduziert eingegangen werden. Das führt in vielen Fällen zu Schulunlust und Schulfrust bis hin zum Burnout.

Einer der schärfsten Kritiker des traditionellen Schulsystems ist der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht, der in seinem Buch ‘Anna, die Schule und der liebe Gott’ sogar von einer erforderlichen Bildungsrevolution spricht. Wie Maria Montessori sieht auch er das Bedürfnis nach einer Schule, die sich nach den Anforderungen, Begabungen und dem Lerntempo der jungen Menschen richtet und es ihnen ermöglicht, dieses Tempo selbst zu steuern.

Wie vom regulären Schulsystem unterscheidet sich die Montessori-Schule auch von der von Rudolf Steiner begründeten Waldorfschule. In der Montessori-Pädagogik stehen Begriffe wie ‘Freiarbeit’, ‘Polarisation der Aufmerksamkeit’ und ‘Vorbereitete Umgebung’ im Vordergrund, die autonome kognitive Lernvorgänge der Schüler im Umgang mit sachlichen Problemstellungen und lernwirksamen Gegenständen betonen. Beim Waldorf-Konzept bilden Begriffe wie ‘Nachahmung’, ‘Erziehungskunst’, ‘Klassenlehrer’ und ‘Monatsfeier’ die zentralen Säulen, womit dem Bereich des Künstlerischen sowie den Beziehungsaspekten zwischen Schülern und Lehrkräften eine herausragende Bedeutung beigemessen wird.

Während in der Montessori-Pädagogik das Ermöglichen individueller Lernerfahrungen in der eigenen Geschwindigkeit mit eigener Schwerpunktsetzung und persönlichem Coaching im Fokus steht, führt die Lehrkraft in Waldorfschulen in eher autokratischer Weise durch den Unterricht. Gruppenarbeit gibt es oft ebenso wenig wie Schulbücher oder die Benutzung elektronischer Geräte.

Diese Persönlichkeiten waren Montessori-Kinder

Eines der bekanntesten Vorurteile gegenüber Schülern von Montessori-Einrichtungen lautet: ‘Für die Regelschule reicht es nicht, also besser auf eine weniger strenge Alternativschule.’ Dass es sich hierbei um eine Fehleinschätzung handelt, zeigt sich an den erfolgreichen Karrieren einstiger Montessori-Schüler. Dazu gehörte beispielsweise der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser, der mit sieben Jahren auf eine Montessori-Schule in Wien kam. Bereits damals bescheinigten ihm die Kunsterzieher einen aussergewöhnlichen Sinn für Formen und Farben.

Der kolumbianische Schriftsteller, Journalist und Literaturnobelpreisträger Gabriel José García Márquez besuchte eine Montessori-Schule in Catana (Kolumbien). Er äusserte sich in seinen biographischen Schriften mehrfach sehr positiv über seine Montessori-Erziehung: ‘I do not believe there is a method better than Montessori for making children sensitive to the beauties of the world and awakening their curiosity regarding the secrets of life.’

Auch die 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordete Anne Frank war ein Montessori-Kind. Die Montessori-Schule in Amsterdam (Niederlande) die heute ihren Namen trägt, bot ihrem Temperament den benötigten Freiraum. Rückblickend sagte ihr Lehrer, Anne sei ‘kein Wunderkind’ gewesen, jedoch sympathisch, ‘in manchen Dingen sehr reif, aber in anderen dafür auch wieder ganz ungewöhnlich kindlich’.

Weitere bekannte Montessori-Schüler waren bzw. sind:

  • Dr. Simone Bagel-Trah, Urenkelin von Fritz Henkel, die es 2009 als erste Frau an die Spitze eines DAX-Konzerns schaffte,
  • Katharine Graham, ehemalige Besitzerin und Herausgeberin der Washington Post,
  • Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia,
  • Andrew Lloyd Webber, Komponist,
  • Prince William und Prince Harry, Erben des englischen Thrones,
  • Jacqueline Kennedy Onassis, Journalistin, Verlagslektorin und Ehefrau von John F. Kennedy,
  • Will Wright, Designer von ‘The Sims’.

Interessantes rund um die Planung und Umsetzung

In der Planungsphase für Campus Lindenberg stellte sich heraus, dass es schon mehrere Anläufe für den Aufbau einer Oberstufenschule nach der Montessori Erdkinder Pädagogik in der Schweiz gegeben hatte. Das pädagogische Konzept war bereits weitgehend fertiggestellt und auch an Interessenten mangelte es nicht. Es bestanden jedoch hohe antizipierte Hürden, welche die involvierten Personen letztendlich vom grossen Schritt abhielten.

Anders als in den meisten Ländern gibt es in der Schweiz keine staatliche Förderung für die Montessori-Pädagogik. Die Schulen müssen sich privat organisieren und finanzieren. Zudem bedarf eine Montessori-Oberstufe immer auch der Unterstützung derjenigen Einrichtungen, welche die Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren mit dem Montessori-Konzept und den zugrundeliegenden Werten vertraut machen.

Am Anfang der Überlegungen war zunächst das Kloster Fahr als Standort im Gespräch, das zu jener Zeit nach einem neuen Nutzungskonzept suchte. Nachdem das Projektteam dann zum ersten Mal auf dem Grundstück der Meienberg Mühle stand, war jedoch schnell klar: ‘Hier. Und nirgends sonst wo!’

Dieser Ort ist perfekt. Nicht nur, dass sich alles, was sich Maria Montessori für die Entwicklung Heranwachsender vorgestellt hatte, hier eins zu eins umsetzen lässt. Die Alte Mühle, die nun zum Campus Lindenberg wird, ist auch zentral gelegen und von allen ‘Hubs’ (Zürich, Zug, Luzern, Aarau) gut zu erreichen. Zudem sind die Historie und die Aura dieses Kraftortes bestechend. Jenny Höglund, DER Name für Montessori Adolescent Programme in Europa, bestätigte uns bei einem Besuch, dass es kaum besser geht. Bericht von Jenny Höglund zum Campus Lindenberg

Nachdem die Entscheidung für Winterschwil als Schulstandort gefallen war, ging es an die Bewältigung unzähliger Behördengänge. Die grösste Sorge ist jedoch bei solch einem Vorhaben meist die Reaktion der Nachbarn. Schliesslich würde in den verträumten Weiler, der zwar zu anderen Zeiten sehr viel belebter, jetzt aber etwas in Vergessenheit geraten war, wieder neues Leben einkehren. Das mag nicht jedem gefallen. Manche Leute stellen es sich dann gern schlimmer vor, als es ist, und gehen schon vorher auf die Barrikaden. Hier war das zum Glück nicht der Fall und auch alle anderen Befürchtungen zerstreuten sich schnell. Die Zusammenarbeit mit sämtlichen Behörden, der Erbengemeinschaft und deren Vertreter, sowie dem Verantwortlichen für Baudenkmäler im Kanton, funktionierte von Beginn an hervorragend.

Derzeit planen die Organisatoren die Schule mit maximal 68 Jugendlichen. Auf dem grossen Gelände mit seiner Vielzahl von Gebäuden und durch die Arbeit in Kleingruppen wird sich das gut verlaufen. Zudem wird nicht mit Vollbelegung begonnen. Die Schule soll organisch wachsen, pro Jahr um zehn bis 15 Jugendliche. Der Start ist für 2021 geplant, teilweise in Provisorien und möglicherweise in Partnerschaft mit den umliegenden Orten, wo leerstehende Schulräume der Gemeinden ebenfalls wieder genutzt werden können. Den Heranwachsenden wird kein fertiges Objekt vor die Nase gesetzt. Stattdessen werden sie in die Planung und den Umbau fest eingebunden und können so den Campus nach ihren Bedürfnissen mitgestalten. In Zusammenarbeit mit den Jugendlichen wird eine Permakulturanlage entstehen, die sie selbst unterhalten und im Zusammenschluss mit den benachbarten Landwirten eine weitgehende Selbstversorgung realisieren.

Aber immer eins nach dem anderen. Als nächste Schritte folgen die Detailplanung, weitere Behördengänge und das Verfassen von Anträgen. Im Spätsommer soll es eine Informationsveranstaltung vor Ort geben.

Wie an vielen anderen Montessori-Schulen üblich, sollen die Schulgelder auch am Campus Lindenberg einkommensabhängig gestaffelt werden. Langfristig ist geplant, das eine oder andere Vollstipendium anzubieten.

Da der Prozess um die Freigabe für die Oberstufenschule mit dem Schulamt noch läuft, sind Anmeldungen bislang nicht möglich. Interessenten können aber gern ihren Namen hinterlegen. campuslindenberg@enkeltauglich-wirtschaften.ch 

Share: