EMOTION REGULATION #9: WISSENSCHAFTLER SEIN

EMOTION REGULATION #9: WISSENSCHAFTLER SEIN

Ich habe bereits früher über die Macht der Wissenschaft für unsere Gesellschaft und insbesondere der Sozialwissenschaften bei unlösbaren Konflikten geschrieben (“Warum Forschung”) und möchte die Bedeutung dieses Themas erneut unterstreichen.

Mehr noch, die Kombination von Sozialpsychologie und Politikwissenschaft, die wir in unserem Projekt anstreben, wurde vom berühmten Nature Magazine (“Wars without End”, 2015) sowie vom Scientific American Mind in seiner Sonderausgabe über Terrorismus (“Extinguishing the Threat”, 2016) gelobt. Ausserdem habe ich das Privileg, zu der Forschungsgruppe zu gehören, die in beiden Artikeln positiv erwähnt wird.

Dieser Zugewinn an Sichtbarkeit und Relevanz birgt sowohl eine Macht – zum Beispiel durch bessere Finanzierungsmöglichkeiten – als auch eine Bedrohung für die Sozialpsychologie, da die gesteigerte Relevanz letztendlich zu einer grösseren Überprüfung der Ergebnisse führen wird.

Wir können dies bereits jetzt an der laufenden Diskussion über die “Replizierbarkeitskrise” in der Sozialpsychologie sehen, die nicht nur zu Publikationsrückzügen aktueller hochrangiger Psychologen geführt hat, sondern sogar berühmte “klassische” Forschungsarbeiten wie Zimbardos Gefängnisexperiment oder Milgrams Bestrafungsstudie einschliesst. In einem aktuellen Artikel (Nature Human Behaviour, 2018) wurde festgestellt, dass fast die Hälfte von 21 ausgewählten psychologischen Experimenten von anderen unabhängigen Forschungsgruppen nicht reproduziert werden konnte.

Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse zwangsläufig falsch sind, sondern dass sie weniger beeindruckend sind als ursprünglich angenommen. Auch ist das Problem nicht nur für die Psychologie relevant, auch andere Bereiche wie z. B. die Biologie haben mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen. Wahrscheinlich geht es hier weniger um schlechte Wissenschaft als um überstürzte Wissenschaft oder aufgeblasene Ergebnisse. Wer schon einmal in der Wissenschaft gearbeitet hat, kennt die sehr kompetitiven Karrierebedingungen und den Druck, aufregende Ergebnisse in hochrangigen Zeitschriften zu veröffentlichen.

In diesem Sinne bin ich dankbar, dass ich keine hochkarätige akademische Karriere verfolge, sondern meinen Forschungsalltag in unserem eigenen hartnäckigen Konfliktumfeld lebe, und ich bin ebenso dankbar für die geduldige Partnerschaft der Stiftung WeContribute.

Wie der Oxford-Forscher Brian Earp es in seinem Artikel über die Replikationskrise ausdrückt: “Mit anderen Worten: Es ist kompliziert. Und es kommt oft auf die Details an.” In diesem Sinne sollten wir uns den Rücken freihalten und uns wieder an die fleissige Arbeit machen, um sinnvolle Details in Intractable Conflict zu verbessern. Und wenn wir Glück haben, gibt es als Ergebnis spannende Erkenntnisse… 

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Oliver Fink

Oliver hat Organisations- und klinische Psychologie an der Universität Freiburg, Deutschland, studiert. Nach seinem Berufseinstieg bei den Schweizerischen Bundesbahnen arbeitete er mehrere Jahre bei einer humanitären NGO, sowohl in Afrika als auch in der Schweiz, gefolgt von einer leitenden HR-Management-Position im Unternehmenssektor und in der Wissenschaft. Zusammen mit seiner Familie lebte Oliver drei Jahre im Heiligen Land, wo er Feldforschung für seine laufende Doktorarbeit an der Universität Basel betrieb. Ende 2020 kehrte er nach Deutschland zurück.

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