725 – EIN CODE MIT GROSSER ZUKUNFT

725 – EIN CODE MIT GROSSER ZUKUNFT

Also, mich würde mal interessieren, wieviele der 17'000 Gruppenmitglieder durch Verkauf von Agrarprodukten aus Permakultur ihren Lebensunterhalt verdienen.

He Shima (vom 27.01.2022 aus der Gruppe "Permakultur" auf Facebook)

Ich konnte es mir nicht verkneifen, auf diese Frage zu antworten und weil es eines der zentralen Arbeiten der Stiftung WeContribute tangiert, führe ich das Thema hier gerne weiter. 

Eine hervorragende Frage! Bei jeder meiner Beratungen traditioneller, landwirtschaftlicher Betriebe wird mir die gleiche gestellt.
 
Lass mich ein wenig ausholen: Die meisten Menschen, die sich mit einer permakulturellen Lebensweise beschäftigen (bisher), tun dies nicht mit dem primären Ziel, den Beweis erbringen zu wollen, dass ihre Sicht auf die Welt in einen ökonomischen Rahmen passt, der wenig mit permakulturellen Ansätzen gemein hat.
 
Mit der Ökonomie (der Bewirtschaftung unseres Geldes) verhält es sich ganz ähnlich wie mit der Bewirtschaftung unseres Bodens: Wir haben uns ein wenig verrannt und Konsolidierung/Umdenken ist notwendig.
 
Beispiel: Ein wichtiger Bestandteil des permakulturellen Spektrums ist es, Überschüsse zu tauschen (wie wir das auch bei einigen der Antworten hier auf Facebook sehen), in einem eng gespannten Netzwerk wertverwandter Betriebe. Dieser klassische und organischste aller Handel ist in unserer modernen Gesellschaft und dem System, das wir uns geschaffen haben, nicht vorgesehen, wird gar verunmöglicht, bisweilen bestraft. Selbstverständlich. Es schliesst das komplexe und teure System ausserhalb komplett aus. Das will das System nicht. Die nichtvorhandenen Schnittstellen zweier völlig unterschiedlicher Ansichten lassen sich quer durch alle Themen des Spektrums beobachten.
 
Wenn ich bei einer Beratung einem Landwirt, der seit 40 Jahren einem kaputten System folgt und zusehen muss, wie sein Boden und Betrieb zugrunde gehen, über Wochen und Monate (sanft!) dazu bringen muss, einzusehen, dass Mischkukturen Sinn machen und er seinen Traktor verkaufen soll, dann muss ich davon ausgehen, dass ich den gleichen Aufwand bei einem Banker oder Investor betreiben muss, sodass dieser einsieht, dass ein erfolgreicher Permakulturhof keineswegs 10% p. a. Rendite abwirft weil wir zuerst einmal mit 40 Franken Stundenlohn für alle rechnen werden. Würde der Hof solch eine hohe Rendite für einen nicht beteiligten Investor abwerfen, hätte er sein Ziel verfehlt. Nur ein Beispiel von vielen, dass wir oft aneinander vorbei reden zwischen diesen Welten.
 
Diese beiden Themen in Einklang zu bringen wird noch eine Weile dauern… aber wir sind auf einem guten Weg! In der Schweiz wurde 2020 der Flächencode 725 offiziell etabliert.

Gemäss Definition müssen Flächen, welche mit dem neuen Code 725 erfasst werden, mindestens 50% Spezialkulturen umfassen (z.B. Gemüse und Beeren). Sie können aber auch einen Anteil an Nicht-Spezialkulturen umfassen wie z.B. Kornelkirschen oder auch Ackerkulturen wie z.B. Linsen. Die gesamte Fläche mit Permakultur gilt als Spezialkultur und kann so z.B. von entsprechenden SAK (0,323 pro Hektare)- oder Bio-Beiträgen profitieren.

www.schweizerbauer.ch
Heisst: Jeder Landwirt kann per sofort Subventionen für die Umstellung auf eine biodynamische und/oder permakulturelle Bewirtschaftung seines Hofs beantragen. Kaum jemand weiss davon und über 1’000 Höfe pro Jahr werfen das Handtuch, inkl. schweren Depressionen, zerstörten Familien und einer überdurchschnittlichen Suizidrate…
 
In der Schweiz gibt es aktuell lediglich einen einzigen Hof, der seine Fläche zu 100% permakulturell bewirtschaftet: Auenhof.  Tragisch, könnte man meinen, ja. Ich sehe es allerdings als riesige Chance! In den letzten beiden Monaten haben sich bereits fünf Betriebe bei uns gemeldet, die gerne Hilfe bei der Umstellung auf den neuen Flächencode in Anspruch nehmen möchten.
 
Und auf der Investorenseite? Wenn man’s gut übersetzt, dann sehen auch die ein, dass wir weiter als nur bis zur nächsten Bonusrunde denken müssen. Unser erstes Projekt finanzieren wir gerade mit nahezu 0% Zins und 15 Jahren Laufzeit – so wie es sein soll. Zu Triple Bottom Line.

 

Stelle deine Frage in drei Jahren nochmals. Ich gehe eine Wette ein, dass wir bis dahin gut 100 Betriebe in der Schweiz haben, denen eine Menge Arbeitskräfte anhängen, die deine Frage mit “Ja, hier. Wir können das.” beantworten werden.
 
Jetzt! hat Bill Mollison gemeint. Ja, verdammt, worauf warten wir?
 

In Folge der Reaktionen auf meine Antwort werden wir uns nun zügig nach erfahrenen Permakukltur-Planern und -Praktikern umsehen müssen. Wir haben Einiges an Beratungsarbeit auf dem Tisch. DAS ist Enkeltauglich Wirtschaften, wie ich es mag! 

Wen es interessiert: Hier informiert der “Schweizer Bauer” in einem Beitrag über den neuen Flächencode 725. Eine proaktive Werbung dazu liest sich etwas anderes. 

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Kai Isemann

Ursprünglich aus der Finanzindustrie kommend, ist Kai seit fast zehn Jahren als Unternehmer und Coach tätig. Er begleitet gemeinnützige Stiftungen und wirkungsorientiertes Unternehmertum in strategischer Ausrichtung, Risikomanagement und Finanzthemen. Inspiriert von der Leidenschaft, neuen (manchmal vermeintlich absurden) Ideen Leben einzuhauchen, wird Kai von einer brennenden Neugierde für ein bewusstes Leben angetrieben. Kai ist Papa von Dreien und lebt seit 1997 in der Schweiz.

2 Comments

  • Disch
    5. März 2022

    Guter Beitrag danke,

    Nach wie vor ist es für uns Bauern schwierig Unterstützung für eine Umstellung zu bekommen, mal von der Finanzierung abgesehen. Ebenfalls gibt es Regionen die noch nicht aufs Nachhaltigkeitspferd setzen. Ich denke die grossen Städte und deren Aglomerationen sind da weiter und finden einfacher Unterstützung.
    Dennoch versuchen wir weiter mit grossem Einsatz unseren kleinen Mischbetrieb komplett umzustellen. Die grösste Hürde aber sind meiner Ansicht, die Behörden und zum Teil die Organisationen wie Pro Natura, die uns
    baulich behindern oder versuchen einen Ertrag abzusprechen.

    Ich bin der Meinung, wir sollten in allen Regionen erstmals solche Höfe aufbauen um die Bevölkerung und die Bauern abzuholen und von unserer Ideen überzeugen, dann kann es von diesen aus wachsen. Wir wären mehr als bereit so ein Hof zu werden und alles möglich zu machen um Permakultur, Waldgarten und Biodiversität zu vereinen und zu beweisen, dass es Mehrwerte gibt, die nicht in Geld umgerechnet werden.

    LG
    Thomas Disch
    http://www.freudental.ch

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    • Kai Isemann
      6. März 2022

      Lieber Thomas,

      Vielen Dank für deine Zeilen. Du schreibst mir aus der Seele – und nicht nur mir. Richtig! Wir müssen 1. dafür sorgen, dass überall verteilt Demonstrations- und Lernhöfe für den Flächencode 725 entstehen und 2. dass der Zugang zu den Übergangsfinanzierungen auf nationaler Ebene (nicht unmittelbar von staatlicher Hand sondern aus der Basis heraus) unkompliziert und zügig etabliert wird.

      Wir werden bestimmt bald wieder voneinander hören.

      Herzlichst,
      Kai

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